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"Gimme Shelter!"



Arbeitswelten / Working Worlds

Zum 14. Mal beleuchtet diese Sektion europäische Arbeitswelten und -realitäten in Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrisen.

Heuer kreist die von Katharina Riedler kuratierte Reihe um das Thema Sinnstiftung durch Arbeit und firmiert unter dem Titel Was wir tun. Die vier ausgewählten Arbeiten (drei Dokumentarfilme und eine fiktionale Arbeit) werfen Fragen auf wie: Wofür arbeiten wir eigentlich? Um uns zu verwirklichen? Um gut zu leben? Oder schlicht, um zu überleben? – Der zentrale Film in diesem Jahr ist die fiktionale „Versuchsanordnung“ LA MANO INVISIBLE, die essentiellen Dingen nach Sinn, Wertschätzung und Sichtbarkeit von Arbeit nachgeht, die auch in anderen Filmen wiedergefunden werden können. Im Langfilmdebüt von David Macian wird Arbeit zu einer bloßen Show, zur leeren, mechanischen, zweckbefreiten Tätigkeit. Die in der deutschen Langzeitbeobachtung ZWISCHEN DEN STÜHLEN portraitierten angehenden LehrerInnen sind mit mannigfaltigen Herausforderungen konfrontiert und auch nicht ausschließlich von Idealismus getrieben. Hingegen spricht ein Protagonist im bildgewaltigen französischen Dokumentarfilm QUELQUE CHOSE DE GRAND, der junge Bauarbeiter Joao, mit Stolz davon, dass die Arbeit am Bau ein Teil von ihm geworden ist: „Es sieht so aus, als wärst du nutzlos, aber du wirst gebraucht.“ Im zweiten dokumentarischen Beitrag aus Frankreich, DERRIÈRE LES PIERRES, wird einer Fabrik, die lange versteckt mitten in Millionenmetropole Paris existiert hat, ein filmisches Denkmal gesetzt, bevor sie in die Peripherie und somit aus der urbanen Lebenswelt verschwindet.

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Cinema Next Europe

2015 setzte CROSSING EUROPE in Kooperation mit der Nachwuchsinitiative Cinema Next mit dem Programmschwerpunkt Cinema Next Future erstmals einen Fokus auf die „next generation“ europäischer FilmemacherInnen.

Diese als Plattform für europaweiten Austausch und Vernetzung gedachte Schiene geht damit heuer in die dritte Runde. Erneut stehen das Entdecken von frischen Stimmen und die Förderung des jungen europäischen Kinos im Vordergrund. In sechs handverlesenen Filmprogrammen, subsumiert unter dem Titel Very Bright Future, werden starke Positionen des jungen europäischen Films vorgestellt: junge FilmemacherInnen, die mit ihren aktuellen Arbeiten starke Visitenkarten vorlegen – die aus kuratorischer Sicht nicht nur ein Versprechen für das europäische Kino und seine Kunst sind, sondern auch für ihr Publikum. Dabei werden die Geschichten und deren filmische Umsetzung keinesfalls gefälliger oder weniger mutig: vom Kurzfilm bis zum abendfüllenden Spielfilm, von Festivalerfolgen (DIE BESTE ALLER WELTEN, DAS UNMÖGLICHE BILD) über künstlerische Arbeiten (I AM TRULY A DROP OF SUN ON EARTH) bis hin zu schonungslosen Dokus (IKONA) reicht die Bandbreite.

Neben der Präsentation von Filmprogrammen umfasst diese Programmschiene ein Rahmenprogramm, zu dem Filmstudierende, angehende Film-, Medien- & KulturwissenschafterInnen sowie junge Nachwuchskräfte im Filmbereich herzlich eingeladen sind. Geplant ist eine Case Study (u.a. mit der kroatischen Regisseurin Hana Jušić, die 2016 mit dem Film NO WOLF HAS A HOUSE in der Cinema Next Europe-Sektion bereits vertreten war und dieses Jahr mit QUIT STARING AT MY PLATE im Wettbewerb Fiction vertreten ist) zum Thema „Festival Strategies“ genauso wie Vernetzungstreffen und informelle Gesprächsrunden. Mit Cinema Next Europa soll im Rahmen des Festivals eine europäische Plattform für den filmischen Nachwuchs geschaffen werden. Diese Sektion richtet sich zum einen an all diejenigen FilmemacherInnen, die einen Schritt weiter in Richtung professionelle „Filmkarriere“ gehen möchten und zum anderen an ein am Filmschaffen der „next generation“ interessiertes Publikum.

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Competition Documentary

Insgesamt zehn dokumentarische Arbeiten umfasst diese Wettbewerbssektion, die einen thematisch wie geographisch breiten Bogen quer durch Europa und darüber hinaus spannt.

Der Blick zurück in die jüngere europäische Geschichte steht im Mittelpunkt von drei Wettbewerbsbeiträgen: Robert Kirchhoff geht in DIERA V HLAVE den Spuren des Genozids an den Roma und Sinti während der Nazizeit und des Zweiten Weltkriegs quer durch Europa nach und befragt die „letzten“ Überlebenden, ZeitzeugInnen und VertreterInnen der Nachgeborenen-Generation. Mit Hilfe von Archivaufnahmen und märchenhaften Geschichten wird man in der Animated Documentary KUUN METSÄN KAISA in die Welt der Skoltsamen in Finnisch-Lappland entführt – ein faszinierendes Nomadenvolk, den Sami zuzurechnen, dem nur noch 1000 Menschen zugehörig sind. Einem Thriller ähnlich rekonstruiert der serbische Dokumentarfilm DUBINA DVA die Gräueltaten rund um ein Massaker, das während des Bosnien-Kriegs verübt wurde und vertuscht werden sollte. Auch im Film ZAVTRA MORE steht von Menschen verursachtes Leid im Mittelpunkt – die „selbstgemachte“ Umweltkatastrophe, die um die Jahrtausendwende weite Teile des Aralsees austrocknen ließ, bedroht massiv die Existenz der verbliebenen BewohnerInnen. Brandaktuelles Polit-Geschehen haben DIL LEYLA und POLÍTICA, MANUAL DE INSTRUCCIONES zum Inhalt – zum einen das Portrait einer jungen kurdischen Bürgermeisterin in der Türkei und zum anderen der Blick hinter die Kulissen der spanischen Podemus-Bewegung. Dass es von gescheiterter Politik oft nur ein kleiner Schritt hin zum Krieg ist, machen zwei andere Filme dieser Sektion besonders schmerzlich deutlich: Vitaly Mansky liefert in einem der diesjährigen Eröffnungsfilme, RODNYE, eine dokumentarische Familienaufstellung vor dem Hintergrund des schwelenden kriegerischen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine ab. THE WAR SHOW bietet eine Innensicht auf den grausamen Stellvertreterkrieg in Syrien und das Zerplatzen jeglicher Träume einer ganzen Generation. Eine unmittelbare Folge dieser Kriege sind Flucht und Migration. Diese Themen spielen auch bei dieser Festivalausgabe eine maßgebliche Rolle – zwei sehr unterschiedliche dokumentarische Positionen finden sich dazu in dieser Wettbewerbssektion: In DE KINDEREN VAN JUF KIET erlebt man eine resolute Volksschullehrerin, die ihren kleinen Schützlingen trotz traumatischer Fluchterfahrungen Lehrstoff und Herzensbildung gleichzeitig beibringen kann. An der Grenze zwischen Realität und Fiktion ist STRANGER IN PARADISE angesiedelt, als Konzeptfilm angelegt werden im Verlauf mehrerer Episoden unterschiedliche Sichtweisen auf das Flüchtlingsthema präsentiert.

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Competition Fiction

Zwölf Filmentdeckungen bietet heuer diese Sektion, zehn Langfilmdebüts und zwei zweite Langfilme. Drei der Wettbewerbsbeiträge erzählen Coming-of-Age Geschichten in verschiedenen Variationen vor atemberaubenden Landschaftskulissen (ANIŞOARA, HJARTASTEINN und PÄEVAD, MIS AJASID SEGADUSSE).

Visuell faszinierend ist auch der georgische Beitrag SKHVISI SAKHLI, der das Thema “Displaced Persons” im Abchasien-Konflikt der 1990er aufgreift. Gesellschaftspolitischen Fragestellungen gehen, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, BEZBOG und SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES nach. “Junge Erwachsene unter Druck” könnte das Überthema zu den anderen sechs Filmen der Sektion lauten: Ob angehende dänische Mediziner kurz vorm Schritt ins “richtige” Leben (I BLODET), der harte Alltag dreier Straßenprostituierte mit gegensätzlichen Lebensträumen (VÂNĂTOARE), oder dysfunktionale familiäre Konstellationen, die die Hauptfiguren zum Handeln zwingen (COMPTE TES BLESSURES, THE LEVELLING, NE GLEDAJ MI U PIJAT, ŠVENTASIS).

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European Panorama



Local Artists

Insgesamt 160 Arbeiten wurden für diese Programmsektion eingereicht. Für die heurige Festivalauflage fiel die Wahl auf 60 Produktionen, die in 17 Programmplätzen präsentiert werden – darunter 21 Welt-, zwei Österreich- und eine Internationale Premiere(n).

Erneut bietet die beim Publikum sehr beliebte LOCAL ARTISTS-Schiene einen ansprechenden Überblick über das aktuelle oberösterreichische Filmschaffen, das vom Experimentalfilm bis zum gesellschaftspolitischen Dokumentarfilm reicht. Auch dieses Jahr gibt es zudem Entdeckungen bei den mittellangen Filmen und im Musikvideobereich; 15 Musikvideos rittern um den CREATIVE REGION MUSIC VIDEO Audience Award (€ 1.500,-). Vergeben werden zudem unter den Filmen/Videos dieser Sektion der mit € 7.000,- (€ 5.000,- Land Oberösterreich/Kultur & € 2.000,- The Grand Post-Audio & Picture Post Production) dotierte CROSSING EUROPE Award – Local Artist und der 2017 neu ausgelobte CROSSING EUROPE Innovative Award – Local Artist (€ 3.500,-), der dankenswerter Weise vom OÖ Kulturquartier gecovered wird und an eine Arbeit mit innovativem künstlerischen Ansatz vergeben wird. Der CROSSING EUROPE Award – Local Artist Atelierpreis (powered by Atelierhaus Salzamt der Stadt Linz) wird 2017 ausgesetzt, da die Zukunft des Atelierhauses Salzamt nicht gesichert ist. Wir hoffen, dass unser Partner nächstes Jahr wieder dabei ist.

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Local Artists Music Videos

Die Programmschiene LOCAL ARTISTS MUSIC VIDEOS ist seit 2013 fixer Programmbestandteil.

Aus der Zusammenarbeit von CROSSING EUROPE mit der  CREATIVE REGION Linz & Upper Austria  entstand der Festivalpreis CREATIVE REGION MUSIC VIDEO AUDIENCE AWARD, der vom Publikum vor Ort bestimmt wird.Die Schiene bietet FilmemacherInnen aus und in Oberösterreich eine internationale Plattform für Musikvideos und den Festivalgästen und –besucherInnen einen Einblick in das aktuelle Schaffen in diesem Bereich.

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Nachtsicht / Night Sight

Zum zehnten Mal kuratiert Filmjournalist und Festivalmacher Markus Keuschnigg die NACHTSICHT bei CROSSING EUROPE, auch heuer werden wieder fünf außergewöhnliche Spielfilme präsentiert – allesamt dem „Fantastischen Film“ zuzurechnen.

Als Motto stellt der Kurator dieses Jahr voran: „Es war einmal die Wirklichkeit…“

Das Nachtsicht-Programm serviert fünf Alternativen zu realistischen Zustandsbeschreibungen des Jetzts, herausragende und verhaltensauffällige europäische Produktionen, die sich auf jeweils eigene unverwechselbare Art den Verwerfungen und Zerwürfnissen der Gegenwart annähern: werdende Mütter, die spitze Klingen in Halsschlagadern versenken (Prevenge), Alkoholiker, die via Selbstzerstörung über sich selbst hinauswachsen (Ron Goossens, Low-Budget Stuntman), lesbische Terrorzellen, die sich von innen heraus selbst zersetzen (The Misandrists), Rationalisten, die von urgewaltiger Natürlichkeit überwuchert werden (Without Name), in die Enge Getriebene, die sich, anstatt zusammenzuhalten, gegenseitig sabotieren (El bar). Die ausgewählten Positionen fordern eine Haltung ein – zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zur Welt um einen herum und das durchaus im moralischen, humanistischen Sinn.

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Tribute

Im April 2017 wird CROSSING EUROPE als erstes Filmfestival eine filmische Gesamtschau der Arbeiten des polnischen KünstlerInnenpaares Anka und Wilhelm Sasnal präsentieren, die mit ihrem aktuellen Spielfilm SŁOŃCE, TO SŁOŃCE MNIE OŚLEPIŁO / THE SUN, THE SUN BLINDED ME (PL, CH 2016) eröffnet wird.

Der Film wurde beim renommierten Filmfestival in Locarno uraufgeführt und erhielt für seine politische Aktualität und künstlerische Qualität seitens der Kritik viel Lob. Die beiden TRIBUTE-Gäste sind keine Unbekannten für das Linzer Festivalpublikum, waren sie doch bereits in der Vergangenheit zweimal im Festivalprogramm vertreten. 2012 gewannen sie mit dem in Rotterdam uraufgeführten Spielfilm Z daleka widok jest piękny / It Looks Pretty from a Distance (PL 2011) den Hauptpreis in Linz und kehrten mit HUBA / PARASITE (PL, GB 2014) erneut zurück.

Anka Sasnal ist 1973 im polnischen Tarnów geboren und studierte polnische Literatur und Gender Studies in Krakau, sie lebt gemeinsam mit Wilhelm Sasnal, der ebenfalls in Tarnów geboren wurde und in Krakau Architektur und Malerei studierte, als Drehbuchautorin, Cutterin und Filmemacherin in Krakau. Wilhelm Sasnal hat als bildender Künstler international durch eine Reihe von Einzel- und Gruppenausstellungen in renommierten Galerien und Kunsthäusern (u.a. Centre Pompidou, Tate Modern, Frankfurter Kunstverein, MoMA New York, Whitechapel Art Gallery London und Guggenheim) mit Bildender Kunst in Form von Gemälden, Comic-Büchern, Zeichnungen, Fotografien und Videos auf sich aufmerksam gemacht.

Die erste gemeinsame längere Filmarbeit ist der 2008 entstandene Świniopas / Swineherd, in dem der titelgebende Schweinhirt – Hans Christian Andersens Kunstmärchen „Der Schweinehirt“ (1842) diente als Vorlage – sich bei einem unsympathischen Bauern in der polnischen Provinz verdingt und heimliche Liebesbriefe eines lesbischen Pärchens hin- und her schmuggelt. In schwarz-weiß gedreht, steht hier das surreale filmische Ergebnis stärker im Vordergrund als eine geradlinige Narration, performative Elemente wechseln sich mit dokumentarischen und Experimentalfilm-Einsprengseln ab, dazu ein wuchtiger, meist unerwartet einsetzender Score mit Nummern von Elvis Presley bis hin zu zeitgenössischen atonalen Stücken. Bereits bei diesem ersten gemeinsamen Filmprojekt werden signifikante Merkmale ihrer künstlerischen Kollaboration sichtbar: Die intensive Beschäftigung mit Sprache, Texten und literarischen Vorlagen, die sie dann in eine für sie adäquate Bildsprache bzw. in Bewegtbild transformieren. In Interviews betonen die beiden mehrfach, dass sie kein Interesse an einem konventionellen Storytelling haben, der Plot einer Geschichte ist für sie zweitrangig, cinematographische Bildsprache und Atmosphäre sind ihnen dafür umso wichtiger. Dabei suchen sie stets nach einer Balance zwischen abstrakten Bildern und der Realität. „Unser Denken über Film kommt aus der Literatur, aber nicht wegen der Handlung, sondern eher der Poesie und der Struktur. Wir experimentieren beim Dreh viel.“ (Monopol-Magazin für Kunst und Leben, Onlineausgabe, 12.2.2014). Nach ihren filmischen Vorbildern gefragt fallen u.a. Namen wie Bruno Dumont, Ulrich Seidl, Michael Haneke, der frühe Andrzej Wajda, Jerzy Skolimowski und die Vertreter der „Neuen Rumänischen Welle“.

Ihren Filmen kann man eine dezidiert politische Haltung attestieren – thematisch kreisen Anka und Wilhelm Sasnal um die gegenwärtige Verfasstheit der polnischen Gesellschaft, den zunehmenden Fremdenhass, das Verhältnis der polnischen Gesellschaft zur katholischen Kirche und ganz besonders um die jüngere polnische Vergangenheit - lange galt Polen bzw. sah sich Polen ausschließlich als Opfer der Nationalsozialisten, gerade um die Jahrtausendwende wurde jedoch polnische Verstrickungen bzw. Beteiligungen an den Gräueltaten des Nazi-Regimes öffentlich diskutiert und künstlerisch aufgearbeitet. Schon im Film Świniopas / Swineherd wird die „Nazi-Vergangenheit“ an die Oberfläche gespült und zwar in Form von Tellern mit Hakenkreuz, die der Sumpf freigibt. Ihren Arbeiten darf ruhig eine dystopische Weltsicht, aber – nach eigenen Angaben – weniger eine pessimistische zugesprochen werden und ein unverhohlenes Interesse für die „dunkle“ Seite des Menschen. 

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