Go to content Go to main menu

ARBEITEN SEHEN.

Crossing Europe meets TFM. Ein künstlerisches Forschungsprojekt.

 2018/19 fand unter dem Titel ARBEITEN SEHEN. eine Kooperationslehrveranstaltung von CROSSING EUROPE mit dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien statt. Unter der Leitung von Dr. Katharina Müller wurde das halbrunde Jubiläum der Programmsektion ARBEITSWELTEN – zum 15. Mal Teil des Programmgefüges – zum Anlass genommen, themenspezifischen Fragestellungen wissenschaftlich-künstlerisch nachzugehen: Worin, angesichts der globalen Anforderungen von "Leistung", "Geschwindigkeit", "Flexibilität", "Mobilität", "Effizienz", liegen die Möglichkeiten des Widerstands bzw. einer Rekonfiguration des Sozialen? Wie verhält sich - in Zeiten, in denen sich das Bildliche selbst prekarisiert - das Kino zu diesen Fragen? 

Unter dem Titel ARBEITEN SEHEN. wurde vor dem Hintergrund dieser Fragen das Verhältnis von Arbeit und Bewegtbild unter die Lupe genommen und damit verbundene Mechanismen künstlerisch-wissenschaftlich erforscht, dabei sind sechs außergewöhnliche Teamprojekte entstanden.

LEOBEN DONAWITZ STELLWERK 1

Ein Film von Max Imre (Team: Jasmin Matz, Philipp Stenz)

LEOBEN DONAWITZ STELLWERK 1 nimmt seinen Ausgang von Fotografien aus den Jahren 2014 und 2018. Durch die zeitlich gestaffelte Bestandsaufnahme liefert Max Imre einen Einblick in die Veränderungen einer industriell geprägten Stadt. Der bauliche Rückgang lässt Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Entwicklung und das aktuelle Verhältnis von Lebens- und Arbeitsraum zu. Im Gespräch mit der Großmutter, Irma Schier, kommen die Dinge auf den Punkt. Sie hat ihre Kindheit und Jugend in Donawitz verbracht. Zum Transfer der Fotografien ins Filmmedium wurden Prints der Fotos abgefilmt - dadurch werden nicht nur Materialitäten und Oberflächenstrukturen in wechselnden Beleuchtungsverhältnissen sichtbar: der Wandel vollzieht sich hier gleichsam formal. 

Link zum Video:  https://vimeo.com/278120685  


HAPPY WORKING CLASS MIX #1

Ein Video von Nick Zatko

Im HAPPY WORKING CLASS MIX #1 sind allem voran Arbeiter* zu sehen – Arbeiter* beim Arbeiten, Arbeiter* in ihrer Freizeit, Arbeiter* als popkulturelle Figuren. Assoziativ montierte und wild durchgemischte Bild- und Tonspuren durchforsten dabei diverse Elemente einer Working Class Culture: Stahlarbeit und Werkssport in Linz, aber auch das Kapital oder Arbeiter*innenlieder aus vergangenen Zeiten. Es stellt sich die Frage, aus welchen Substanzen diese vielschichtige Kultur besteht und was damit passiert, wenn jemand versucht, sie sich anzueignen um die Karten neu zu mischen – Gibt es womöglich eine „Working Class Remix Culture“?

Link zum Video: https://youtu.be/lMuJUIcfVG8


DIE FEMINISTISCHE INDUSTRIELLENKAPELLE

Ein Projekt von Clara Jacquemard, Theresa Augusta und Gabriela Stefanov

Fiktiv auf der anderen Seite verortet sich das jählings gegründete Kollektiv und Elektro-Trio DIE FEMINISTISCHE INDUSTRIELLENKAPELLE und schmeißt uns ihre "Kernwerte" ins Gesicht: "Monu(men)tal. Beliebt. Kult. Kino. Plattform. Linz. Erbe. Time is up. Neon Performativ. Immersiv. Viral. Aktiv überraschend. Godessvoice. Politische Beschwörung. Suit up. Sprechgesang. Vocoder Robo. Arbeit. Nothing is Original. Normcore. Meine Uhr. Dein Leben. Wert. Evaluate. Körpergröße. Stimmlage. Karrierefaktor. The pussy the penis the baby. Dystopie. Aufwind. Privilegiert. Fordernd."  Die Gurke ist ein vielschichtiges Emblem - vor dem Hintergrund der rezenten Ansätze österreichisch-populistischer "Frauenpolitik" ist sie das nicht minder. In CEO, ihrer ersten Single, hinterfragen und verdrehen Clara Jacquemard, Theresa Augusta und Gabriela Stefanov Geschlechterklischees. Ausgangspunkt sind Frauen*, die sich "erfolgreich in kapitalistischen Arbeitswelten bewegen". Money, Dick, Power.  

Link zum Video: https://vimeo.com/344309581


PANIKTASTE

Ein Video von Nina Döller und Cordelia Krause

Fotofilmartig greift ein Video das Kinematische dort auf, wo "der Film" aka das Video tendenziell eine Nebenrolle spielt. Nun, da das Onlineangebot längst triumphiert hat, ist das Sexkino ein Publikumsmagnet vor allem durch Extraangebote. "Das klingt jetzt ein bissl ordinär, ist es aber auch": Mit PANIKTASTE geben Nina Döller und Cordelia Krause einem Betreiber das Wort und verleihen der spürbaren Ambivalenz dieser Begegnung einen visuellen Ausdruck zwischen Ästhetisierung und Verfremdung. In der "Paniktaste" kulminieren emblematisch gesellschaftliche "Ordnungen", über die zu reflektieren eine Reihe von in ihrer Wirkung umcodierten Accessoires und verdrehten Blickstrukturen einladen.

Link zum Video: https://vimeo.com/276725331
(Kennwort: cordelianina)


VIEL SPAß VIEL SPAß

Ein Video von Eric G. und Christin Figl

"Karte abreißen, Einlass, Türe auf, Tür zu, Snacks rein, Snacks raus, manchmal oben. Putzen. Putzen. Überstunden. Putzen. Stundenlohn: Billeteur*in: 6,75; Kinoarbeiter*in: 6,85." Wie können prekäre Arbeitsverhältnisse dargestellt werden? VIEL SPAß VIEL SPAß ist eine aberwitzige Arbeit über die Arbeit im Kino - und zwar in jenem Segment, in dem unterbezahlt und eher unsichtbar die einen für die Repräsentation anderer arbeiten: Formal sieht es aus, als hätten Eric G. und Christin Figl Guy Debords Geister geweckt um mit ihnen Popcorn zu machen. Das Ergebnis ist hochgradig grotesk und eben voll "Spaß": der Trash des Alltäglichen und seiner Willkür, des Prekären, Absurden und des Wahnsinns, experimentell verarbeitet und erfahrbar gemacht. "Hat der Saal schon offen?"

Link zum Video: https://youtu.be/tU2Gscfu83Q

 


FUTURE POSITIVE: FREIZEIT

Ein Projekt von Olya Martsenyuk

"Wir arbeiten für Sie": Den gängigen Horrorszenarien von Zukunft - vom nuklearen Winter zum Zusammenbruch des Marktes - stellt Olya Martsenyuk satirisch eine nicht minder beängstigende "Utopie" gegenüber. FUTURE POSITIVE: FREIZEIT stellt einige Werbekonzepte für die "Verbesserung" menschlicher Aktivitäten durch nichtmenschliche "Hilfe" zur Disposition. Ein fiktives Robotic Assistants Unternehmen - "EMRA Inc. - Enol Muks Robotic Assistants Inc.) geht vom blinden Vertrauen potentieller Konsument*innen aus: Auf einem Blog stellt die Künstlerin Anzeigen für Apps aus, die insbesondere "Freizeitaktivitäten leichter organisieren und managen lassen". 

Link zur Website: https://emrainc.tumblr.com 


Das Forschungsprojekt ARBEITEN SEHEN im Detail

„Linz war und ist eine Arbeiter*innenstadt“, so Sabine Gebetsroither mit Blick auf die lokale Verankerung von Crossing Europe. Was das gegenwärtig bedeuten könnte, war explizite Ausgangsfrage einer Kooperationslehrveranstaltung mit dem Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaften im Rahmen der Sektion "Arbeitswelten". Diese feierte, wie das Festival selbst, ihr fünfzehnjähriges Jubiläum und ist zugleich eine der stablisten unter den vielfältigen Sektionen von Crossing Europe, auch hinsichtlich der Besucher*innenzahlen. In seinem steten Ausloten, Abtasten und Verhandeln der permutablen Parameter von „Arbeit“ als sozialer Konfiguration positioniert sich das Festival in einem Gegentrend zu den größeren internationalen A-Festivals, für deren Filme Fabrice Montebello 2004 eine lange Tradition der mehrheitlichen Nicht-Entsprechung zwischen den Gezeigten und dem Publikum festhält: Die Arbeiter*innenklasse ist ihm zufolge vom politischen Subjekt zu einem „kulturellen Objekt“ geworden, Teil einer oftmals nostalgischen, bürgerlichen Mittelstandserfahrung, die den Arthouse-Festival-Film in den meisten Fällen charakterisiere. Die in diesem Kontext verzeichnete Tendenz zum „Sozialfilm“, um das geflügelte Wort diverser Verleiher*innen zu bemühen, lässt sich aus Sicht der Cahiers du Cinéma mangels einer angemessenen Auseinandersetzung mit Klassenverhältnissen nur als „opportunistisches Alibi“ (Stephane Delorme 2015) begreifen.

Dabei haben Filme über Arbeit eine traditionsreiche Geschichte, ihr Beginn lässt sich mit dem Aufkommen des dokumentarischen Kinos der Lumière-Brüder datieren. Die einst von Arbeitenden verlassene Fabrik ist indes längt kein emblematischer Ort mehr für „Arbeit“, als sozialer Raum funktioniert sie in vielen Fällen nicht mehr so wie sie es einst getan hat – was ähnlich auch für den Raum des Kinos gilt: Auch das Kino schreibt sich mitsamt zugehöriger Selbstverständigungskultur als gesellschaftspolitischer Echoraum, der zugunsten anderer, virtueller Räume und Kanäle immer kleiner wird, anachronistisch in den Kontext einer veränderten und sich verändernden gesellschaftlichen Zusammensetzung ein, in der Klassen nicht mehr so funktionieren wie im alten Klassenmodell der Gesellschaft. Die weitgehende Auflösung der in den 1930ern im amerikanischen wie im europäischen Film (prominent: John Ford, Jean Renoir) zu verzeichnende Korrespondenz zwischen jenen, die auf der Leinwand repräsentiert werden und jenen, die diesen Filmen einen relativen Erfolg bescheren, vollzieht sich schleichend, sie setzt schon vor der Nouvelle Vague ein. (Jean-Michel Frodon 2010).

Crossing Europe interessiert sich für die Ausnahmen: Seit 2004 nimmt die Sektion „Arbeitswelten“ zeitgenössische Arbeitsverhältnisse und ihre kinematische Aufarbeitung in den Blick, macht die Implikationen von Globalisierung, Neoliberalisierung und New Economy sinnlich erfahrbar: ob als Krise der Darstellbarkeit neuer/virtueller Wirtschafts- und Ausbeutungsagenturen (…), als „Gemachtheit“ von Wirtschaft und ihrem glamourisierten „Style“, oder schlicht in ihren konkreten, materiellen Auswirkungen: Gezeichnete Gesichter, verzweifelt sich Bewerbende, leere und entfunktionalisierte Architekturen, „High-End“-coworking-spaces etc.

Mit „Arbeit“ durchmisst die Sektion eine „Kategorie“ so sehr wie eine Konkretion, die (zumindest als Lohnarbeit) vielfach an Selbstverständlichkeit verloren hat oder in (unbezahlten) Verselbständigungsformen (etwa Formen der Mediennutzung) als solche öffentlich nur in der Kritik konzipiert wird. „Arbeit“ evoziert eine Vielfalt an Betätigungsformen, sie birgt Gender-, Class- und Race-Marker, schreibt sich in Konzeptionen von Ort und Zeit ein und stellt dringliche Fragen an das Leben, die Gesellschaft und ihren Umgang mit Subjekten. Von „Ich-AGs“ und dem „Kognitariat“ über „Freie“ und „Neue Selbständige“ bis hin zu aus dem Raum politischer Repräsentation ausgeschlossenen „Gast-“ oder Zwangsarbeitenden: der Handlungsradius jener, die „Arbeit“ exerzieren, reicht von Selbstverwirklichungsstilisierung bis hin zum Überlebenskampf. Un/Sichtbarkeit und Nicht/Repräsentation von Arbeit und Arbeitenden sind Effekte, die das Kino aufzubrechen oder zumindest zu befragen vermag: Worin, angesichts der globalen Anforderungen von „Leistung“, „Geschwindigkeit“, „Flexibilität“, „Mobilität“, „Effizienz“, liegen die Möglichkeiten des Widerstands bzw. einer Rekonfiguration des Sozialen? Worin liegt der Wert von (Aus-)Bildungsformen, deren Stätten vorgeben, nicht oder nur zum Teil nach diesen Anforderungen zu operieren? Wie verhalten sich – in Zeiten, in denen sich das Bildliche selbst prekarisiert – Kino und Bewegtbild zu diesen Fragen?

Unter dem Titel ARBEITEN SEHEN. wurde vor dem Hintergrund dieser Fragen das Verhältnis von Arbeit und Bewegtbild unter die Lupe genommen und damit verbundene Mechanismen künstlerisch-wissenschaftlich erforscht. Sechs Teamprojekte sind dabei entstanden – siehe oben.