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SPOTLIGHT ADA SOLOMON

Die Rumänin Ada Solomon (*1968) ist seit mehr als 20 Jahren äußerst erfolgreich als Produzentin tätig, und das europaweit. Ihr scheinbar untrügliches Gespür für Talent hat schon so manche Karriere zum Laufen gebracht, so hat sie z.B. Langfilmdebüts von Radu Jude (Cea mai fericita fata din lume / The Happiest Girl in the World), Melissa de Raaf und Razvan Radulescu (Felicia inainte de toate / First Of All Felicia) und Paul Negoescu (O luna in Thailandia / A Month in Thailand) auf Schiene gesetzt. Zudem ist sie auch für ihre Vielseitigkeit bekannt, so sind sowohl kurze als auch lange Spiel- UND Dokumentarfilme in ihrer Filmographie gelistet. Außerdem hat Ada Solomon auch das NexT Int. Film Festival Bucharest (RO) mitbegründet.

Ada Solomon ist aktuell eine der wichtigsten FilmproduzentInnen Rumäniens, wenn nicht sogar DIE wichtigste. Ihr gelang das Kunststück, zahlreiche RegisseurInnen ins Scheinwerferlicht der A-Festivals zu rücken und gleichzeitig gemeinsam mit ihnen die eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln. Zudem ist sie bekannt für ihre äußerst professionelle Arbeitsweise und scheut nicht davor zurück „schwierige“ Stoffe in Angriff zu nehmen, die Karrieren in Fahrt bringen, Festivalpreise abräumen und zum Standing des „Neuen Rumänischen Kinos“ enorm viel beigetragen haben.“ (Andrei Tănăsescu, Programmer Toronto Int. FF)

Produktionen aus ihren Firmen HiFilm Productions (2004 gegründet) oder Parada Film werden zu den renommiertesten Festivals der Welt eingeladen, sei es nun Berlin, Cannes, Locarno oder Venedig, und mit Preisen ausgezeichnet: z.B. Din dragoste cu cele mai bune intentii / Best Intentions (RO, HU, FR 2011; R: Adrian Sitaru) in Locarno, Pozitia Copilului / Child’s Pose (RO 2012; R: Călin Peter Netzer) mit dem Goldenen Bären und Aferim! (RO, GB, CZ 2015; R: Radu Jude) mit dem Silbernen Bären der Berlinale. 
2013 wurde Ada Solomon bei den European Film Awards mit dem PRIX EURIMAGES – European Co-Production Prize für „maßgebliche Leistungen im Bereich der europäischen Ko-Produktionen“ ausgezeichnet. Darum ist es nicht weiter verwunderlich, dass sie auch als ausführende Produzentin bei einem der Paradebeispiele der letzten Jahre für eine europäische Ko-Produktion mit dabei war: TONI ERDMANN (DE, AT, CH, RO 2016; R: Maren Ade). Weitere Österreichbezüge in ihrer Arbeit gibt es mit Katharina Coponys Dokumentarfilm OCEANUL MARE (AT, DE, RO 2009) und mit dem neuen Dokumentarfilm von Johannes Holzhausen, THE ROYAL TRAIN (AT, RO 2018).

Bereits bei früheren CROSSING EUROPE-Ausgaben liefen von Ada Solomon produzierte Filme, wie z.B. 2011 die beiden Spielfilme Principii de viata / Principles of Life  (RO 2010; R: Constantin Popescu) und Cea mai fericita fata din lume / The Happiest Girl in the World  (RO, NL 2009; R: Radu Jude). 
Für die kommende Festivalauflage ist im Rahmen der SPOTLIGHT-Sektion die Präsentation von sieben Langfilmen und einem Kurzfilmprogramm geplant, darunter auch zwei ganz aktuelle Arbeiten (je ein Spiel- und Dokumentarfilm in den Wettbewerbssektionen). Ada Solomon wird persönlich ihre Produktionen in Linz präsentieren und zudem im Rahmen einer Masterclass Einblick in ihre Arbeitsweise und ihren Erfahrungsschatz als international erfolgreiche Filmproduzentin gewähren.

// Das SPOTLIGHT 2018 wird mit freundlicher Unterstützung des Rumänischen Kulturinstituts Wiens durchgeführt. //


Was uns bindet

von Andrei Tănăsescu (filmmaker, festival programmer and curator (RO / CA))

„Ich glaube, ich habe einfach Glück gehabt“, sagt Ada Solomon auf die Frage nach ihrer Karriere. Es ist eine bemerkenswert bescheidene Aussage, zumal von einer der wichtigsten ProduzentInnen Rumäniens, die international vielfach geehrt wurde und neue Stimmen im Film stets unterstützt hat. Diese Aussage kann zunächst als pragmatische Zurückhaltung gelesen werden. Doch eine genauere Betrachtung verdeutlicht den Kern von Ada Solomons einzigartiger Qualität als Produzentin: ein beharrliches Engagement für die kreative Kraft des Kinos, das ihr dank einem grundlegenden Verständnis für die Filmindustrie Auszeichnungen, Bewunderung sowie eine beneidenswerte Filmografie eingebracht hat. Noch klarer wird ihre Aussage, wenn man die Zeitspanne ihrer Karriere betrachtet, welche die Filmgeschichte Rumäniens nach 1989 umfasst.

Ada Solomons Karriere ist ein beispielhafter Indikator des New Romanian Cinema und ein Beleg für künstlerische Voraussicht, Anpassungsfähigkeit und Erneuerungslust. In der rumänischen Übergangsdekade der 1990er Jahre begann Solomon als junge Absolventin der Ingenieurwissenschaften bei der unabhängigen Produktionsfirma Domino Film. Es war eine Zeit der Neuorientierung im Filmbetrieb, und während der folgenden elf Jahre lernte sie jeden Aspekt der Produktion kennen, von der Produktions- bis hin zur Regieassistenz. Zeitgleich mit der ersten Welle des New Romanian Cinema gründete Solomon im Jahr 2004 HiFilm Productions, deren erster Erfolg sich zwei Jahre später einstellte, als der Kurzfilm Lampa cu caciula   von Radu Jude beim Sundance Film Festival ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr präsentierte sie zwei weitere Filme, die in Oberhausen bzw. bei der Semaine de la Critique in Cannes Premiere feierten: Alexandra und Marilena de la P7. Damit war ihr Anteil am aufkeimenden „Boom“ des New Romanian Cinema etabliert, mit einer Produktionsfirma, die in den folgenden Jahren noch viele Auteurs fördern und das Niveau des rumänischen Filmschaffens heben sollte.

Um Solomons Arbeit zu begreifen, ist es sinnvoll, bestimmte Schlüsselereignisse ihrer Karriere zu betrachten: Im Jahr 2013 machte sie Geschichte, als der Spielfilm Poziţia Copilului von Călin Peter Netzer als erster rumänischer Film mit dem Goldenen Bären in Berlin ausgezeichnet wurde. Im selben Jahr bekam sie als erste osteuropäische Produzentin überhaupt den Eurimages Koproduktionspreis der Europäischen Filmakademie. 2016 war sie die erste rumänische Filmproduzentin, die für einen Oscar nominiert wurde (als ausführende Produzentin von Toni Erdmann). Anfang dieses Jahres bekam sie den Central European Initiative Award, wegen ihrer „Fähigkeit, die Gegenwartsrealität Europas und den Dialog zwischen Kulturen darzustellen.“ Es sind zwei Auszeichnungen, die ihre Gabe anerkennen, lokale Geschichten mit dem internationalen Markt zu verbinden, und zwei Filme, die prägend für Karriere sind, indem sie Familiendynamiken untersuchen – ein Thema, das als roter Faden durch Solomons Schaffen ein tiefgreifendes Interesse an der universellen Sprache zwischenmenschlicher Beziehungen beweist. Wie Solomon selbst sagt: „Ich wähle immer zuerst die Person, nicht die Geschichte.“

Das Crossing Europe Spotlight auf Ada Solomon beleuchtet diesen thematischen Fokus durch eine feinsinnig kuratierte Auswahl, die Spiel- und Dokumentarfilme, kurze wie auch abendfüllende umfasst.

Das Kurzfilmprogramm zeigt drei Werke, die den „slice-of-life“-Topos des New Romanian Cinema aufgreifen und mit der erzählerischen Empfindsamkeit des jeweiligen Regisseurs beseelen – ob es wie in Alexandra um die Beobachtung der häuslichen (Dis-)Harmonie zwischen einem frisch geschiedenen Paar geht, um die Beziehung zwischen Mensch und Tier in der urbanen Moralfabel Lord oder um die sozialmagisch-realistische Geschichte eines Erwachsenwerdens in Marilena de la P7.

Die angespannte Beziehung zwischen Eltern und Kindern wird in zwei Spielfilmdebüts aus 2009 untersucht (Radu Judes Cea mai fericită fată din lume und Felicia inainte de toate, Co-Regie Melissa de Raaf und Răzvan Rădulescu) sowie in Călin Peter Netzers Poziţia Copilului. Auch wenn sie niemanden bevorzugt, was das Geschlecht anbelangt („an artist is an artist, a filmmaker is a filmmaker“), hat Solomon immer frauenzentrierte Projekte gefördert, wofür jene zwei Debütfilme hervorragende Beispiele sind. An den Drehbüchern waren Augustina Stanciu bzw. Melissa de Raaf beteiligt, und im Mittelpunkt steht jeweils eine Protagonistin, die sich mit den Eltern anlegt, um Autonomie zu erringen. Mit Poziţia Copilului erreicht die Steigerung eines innerfamiliären Konflikts in Sachen mütterlicher Pathologie und psychologischer Tiefe ein qualvoll traumatisches Maß.

Mar Nero (R: Federico Bondi, 2008) und Oceanul Mare (R: Katharina Copony, 2009) setzen sich mit unseren Wurzeln jenseits von Grenzen und Kulturen auseinander. Auch wenn diese Filme weniger bekannt sind, zeigen sie doch die Bandbreite von Ada Solomons Koproduktionen. Durch die Auseinandersetzung mit Themen wie Identität, generationsübergreifenden/ kulturellen Bindungen und Arbeitsmigration geben sie dem uns umgebenden globalen Markt ein individuelles, humanes Gesicht.

In der Zusammenschau belegen diese Filme das Interesse Solomons an gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Zusammenhängen. Als Weltbürgerin von Berufs wegen und tief verwurzelte „Einheimische“ von ihrer Geburt her ist Solomon weierhin aktiv interessiert an der Kunstszene ihrer Heimatstadt Bukarest. Mit ihrer Vorliebe für das Crossover zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem manifestiert sich in ihren jüngsten Filmen zwischen soziokultureller Aufmerksamkeit und hybriden Repräsentationsformen eine bewusste Darstellung von künstlerischem Aktivismus. Beispielhaft dafür: Ivana Mladenovics queere Roma-Liebesgeschichte Soldaţii. Poveste din Ferentari sowie Alexandru Solomons essayistischer Dokumentarfilm Ouale lui Tarzan über den evolutionären Willen des Menschen zur Macht.

Im zunehmend polarisierten Klima der Gegenwart ist es wichtig geworden, dass Kunst (und im weiteren das Kino) eine Quelle der Einheit und der Empathie sein kann. Wie Ada Solomon sagt: Film muss „Fragen stellen, Reaktionen hervorrufen und den Zuschauenden etwas zum Nachdenken bieten.“ Im Lauf ihrer Karriere hat Solomons Engagement bei der Erforschung von Beziehungsdynamiken im Privaten und in der Gesellschaft eine wesentliche Rolle in der Entwicklung des New Romanian Cinema gespielt. Indem sie Grenzen überschreitet und internationale Kontakte sucht, stärkt sie jene Verbindungen, die uns alle zusammenhalten, und ebnet dabei neue Wege für uns, um genau diese Bindungen zu erkunden. Ein größeres Glück könnten wir nicht haben.