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Tribute 2014: Joanna Hogg

BIOGRAFIE

Joanna Hogg, geboren 1960 in London, lebt und arbeitet in der Hauptstadt Großbritanniens. Sie studierte an der National Film & Television School in Buckinghamshire. Ihre Abschlussarbeit, der Film Caprice (1986), zeigte in der Hauptrolle die zukünftige Oscar-Preisträgerin „Matilda“ (a.k.a. Tilda) Swinton in einem sehr frühen Auftritt. Hogg arbeitete außerdem mit Fotografie, Experimentalfilm und Musikvideo. Unter ihren Fernseharbeiten aus den 1990er Jahren sind Folgen der beliebten Serien London’s Burning, Casualty sowie London Bridge zu finden, wie auch die eigenständige EastEnders-Sondersendung Dot’s Story (2003). Ihr erster Spielfilm Unrelated (2007) wurde 2007 im Rahmen des London Film Festivals uraufgeführt. Der Film, welcher in der Toskana spielt und in dem Tom Hiddleston in seiner ersten Spielfilmrolle zu sehen ist, gewann den Preis der internationalen Kritikervereinigung FIPRESCI. Der Nachfolgerfilm Archipelago (2010), der auf den Scilly-Inseln nahe der Küste Cornwalls spielt, wurde für die Evening Standard British Film Awards dreifach nominiert: Bester Film, Bestes Drehbuch und Bester Hauptdarsteller (Hiddleston). 2013 wurde ihr dritter Film Exhibition (2013) im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden beim Filmfestival Locarno gezeigt und zudem im Rahmen der „Emerging Artist“-Schiene beim 51. New York Film Festival präsentiert.


FILMOGRAFIE (Auswahl)

Paper (1980, short; CE '14), Home (1980, short; CE '14), Paris (1984, short; CE '14), Caprice (1986, short; CE '14), Flesh & Blood (1988, TV series; CE '14), Dancehouse 8 (TV series, 1992; CE '14), Vicious Circl e (1993, TV movie), Staying Alive (Episode #4, 1996; CE '14), London Bridge (1996, TV series, episodes #1.13, #1.14, #1.15, #1.21, #1.22, #1.24), Casualty “Love’s Labour” (1997, TV series), Casualty: Love’s Labour (1998, TV series; CE '14), London’s Burning (1999, TV Series; CE '14), Reach for the Moon (2000, TV miniseries), EastEnders: Dot’s Story (2003, TV movie), Unrelated (2007; CE '08), Archipelago (2010; CE '11), Exhibition (2013; CE '14) 

// Alle Filme dieser Sektion 2014


ESSAY

Die Geometrie des Unbehagens
(Neil Young)

„Plötzlich gibt es eine neue Meisterin im britischen Film“ schrieb Nick Roddick vom London Evening Standard im September 2008 in Bezug auf die beinahe einhellig bejubelte Präsentation von Unrelated, des ersten Kinofilms der Autorin und Regisseurin Joanna Hogg.

„Selbst [die Boulevardzeitung] ‚The Sun‘, die nicht dafür bekannt ist, Kunstfilme zu rühmen, war begeistert. Erstaunlich ist jedoch nicht das Lob – das Erstlingswerk zeigt sich als umwerfend raffiniert, eher wie die Arbeit eines europäischen Arthouse-Regisseurs als etwas Einheimisches.

“Über fünf Jahre später hat Joanna Hogg nun drei Spielfilme zu Buche stehen, und sich leise, aber sicher als erstrangige Persönlichkeit im britischen wie auch im europäischen Kino etabliert. Ihre Filme sind scharfsinnige Beobachtungen von Figuren in unauffälligen, oft häuslichen oder quasi-häuslichen Extremsituationen, die oft aufdecken, wie die legendäre englische „Zurückhaltung“ brisante, oft destruktive Leidenschaften unter Verschluss halten kann.

Hoggs Karriere ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich – sie war 47 als Unrelated fertiggestellt wurde – und betrifft mehrere ganz verschiedene Stränge des britischen Kulturlebens der Thatcher- und Post-Thatcher-Ära: von den esoterischen Experimenten Derek Jarmans bis hin zu massentauglichsten Beispielen an Publikumslieblingen unter den Fernsehsendungen, wie etwa EastEnders von der BBC und London’s Burning von ITV.

Ihre Vision ist ausgereift und nuanciert, exquisit in der abgestimmten Genauigkeit, doch oft mit unerwartetem Humor ausgeglichen – was vielfach in Form einer peinlichen gesellschaftlichen Verlegenheit zum Ausdruck kommt. In der Besetzung werden Berufsschauspieler wie Tom Hiddleston – ein Unbekannter zur Zeit von Unrelated, inzwischen aber ein großer internationaler Star – mit ausgesuchten Einzelpersonen aus allen Lebensbereichen so alchemistisch zusammen verschmolzen, dass Hoggs makellosen Ensembles bald zu einem Markenzeichen geworden sind. 


Interview
(Das Interview mit Joanna Hogg führte Neil Young)

Ihr Weg von experimentellen Kurzfilmen über Fernseharbeit hin zum Spielfilm stellt einen ungewöhnlichen Werdegang dar ...
An der Filmschule habe ich das Vertrauen in meine eigenen Ideen verloren und nach dem Abschluss stellte ich mir vor, ich bräuchte noch mehr Regieerfahrung, bevor ich eigene Filme machen könnte. Ich musste mich erst in der Zusammenarbeit mit Schauspielern beweisen und auch, dass ich „ernsthafte“ Arbeiten machen konnte, nachdem ich mich für Caprice kritisiert gefühlt hatte, da manche Dozenten den Film etwas frivol fanden. Niemand hat diese Kritik direkt an mich gerichtet, aber ich ahnte – auf Grund der mangelnden Anerkennung für meinen Abschlussfilm – dass sie so dachten. Es kann schon sein, dass meine Karriere wegen eines Missverständnisses oder einer hyperaktiven Fantasie falsch abgebogen ist ... Für Karriereberatung soll man sich lieber nicht auf Mutmaßungen verlassen. Ich bedauere nichts, aber manchmal ärgere ich mich schon, hauptsächlich über mich selbst, dass ich nicht früher zu meinen Überzeugungen gestanden habe. 

Und in Bezug auf die Spielfilme?
Die frühen, experimentelleren Arbeiten wie auch meine Fotografie haben eine viel stärkere Verbindung zu meiner jetzigen Arbeit. Manchmal kommt es mir so vor – gerade bei der Sichtung meiner Filmschul-Arbeiten in der Vorbereitung für diese Retrospektive – als ob es die Fernsehwerke in der Mitte nie gegeben hätte. Es war eine Umleitung, aber mir wird zunehmend klar, was ich von den Fernseherfahrungen habe: Gelernt habe ich dadurch den Umgang mit Schauspielern, schnell drehen zu können, wenn es sein muss, rechtzeitiges und budgetgemässes Schneiden. Diese Fähigkeiten stehen mir bei der Arbeit jetzt zur Verfügung, und erst vor Kurzem habe ich begonnen, dies zu schätzen. 

Derek Jarman wird oft als zentraler Einfluss auf Ihre frühe Karriere genannt ...
Von 1979 bis 1981 war Jarman für mich ein wichtiger Einfluss von. Jubilee hat mir stark imponiert. Bei der Vorführung hat das aus Punks bestehende Publikum auf die Leinwand gespuckt und Gegenstände geworfen. Es war wahrhaft interaktives Kino. Seine anderen Filme habe ich dann gesucht, und dadurch kam ich auf seine Super8-Arbeiten, die mich besonders beeindruckten, vielleicht weil mir diese Art des Filmemachens zugänglicher erschien. Als ich Derek schließlich 1980 kennenlernte, arbeitete er bereits an Caravaggio. Ich glaube, sein großzügiger, kreativer Geist hat viele Filmschaffende meiner Generation inspiriert. Er war damals eine einzigartige Persönlichkeit, die Filme auf eine ganz freie Art und Weise gemacht hat, unbeirrt vom kommerziellen Druck, dennoch hat er ein verhältnismäßig breites Publikum erreicht. Er hat wirklich seine eigene Welt geschaffen. Ich wünschte, das hätte mehr auf mich abgefärbt.

Unrelated und Archipelago bilden ein scheinbar natürliches „Paar“, aber Exhibition mutet wie ein Schritt in eine andere Richtung an.
Als ich Unrelated konzipierte, dachte ich darüber hinaus nicht an weitere Filme, aber nach der Fertigstellung beschäftigten mich immer noch Gedanken zu Familie und Familientreffen, und mit diesen Themen wollte ich in Archipelago weiter arbeiten. Ich hasse es, mich von meinen Filmen zu verabschieden. Elemente aus dem vorherigen Film zu behalten ist eine Möglichkeit, diesen Übergang zu erleichtern. Nach Archipelago dachte ich mir, ich sollte zurückgehen und schauen, wie die Beziehung zwischen Anna und Alex (aus Unrelated) zu Hause in London aussehen könnte. Bei der Fertigstellung von Archipelago hatte ich das Gefühl, ich hätte Edwards Sexualität mehr entwickeln sollen, also wurde diese Idee in den nächsten Film verschoben. Es ist als ob man ein Gemälde fertig malt und noch unbenutzte Farbe auf der Palette bleibt. Zwischen den Filmen vergeht viel Zeit, und meine Ideen verändern sich und passen sich an und reagieren auf neue Situationen. Ich schaue nie auf meine Arbeit zurück, also weiß ich nicht, wie die Filme in Beziehung zueinander aussehen.

In Archipelago wie auch in Exhibition haben Sie Laiendarsteller- Innen verwendet.
Besetzen ist für mich berauschend. Der Rausch entsteht aus dem Risiko – oder vielleicht könnte man sagen: Ich vertraue meinem Gespür und weiß nicht genau, wie es ausgehen wird, aber es ist aufregend, eine neue Person auf die Leinwand zu bringen. Gleichzeitig arbeite ich gern immer wieder mit bestimmten DarstellerInnen – Tom [Hiddleston] ist ein offensichtliches Beispiel – und stoße sie in neue Sphären. Tom hat die Fähigkeit, dass er eine leere Leinwand sein und sich in unterschiedliche Personen verwandeln kann. Das kann genauso aufregend sein, wie wenn jemand ganz neu zur Leinwand kommt.

 

Worin unterscheidet sich die Arbeit mit solchen Laiendarsteller- Innen und BerufsschauspielerInnen? Wenn ich mich entscheide, LaiendarstellerInnen zu besetzen, dann kommt es darauf an, wer sie sind, nicht weil ich von ihnen will, dass sie sich gekonnt in jemand anderen verwandeln – ein wesentlicher Unterschied. Vielleicht habe ich H anders geschrieben, aber dann begegne ich Liam Gillick, und mir wird klar, ich muss den Unterschieden zwischen dem, was ich geschrieben habe, und was nun vor mir steht, gerecht werden. Manches muss ich dann loslassen, was nicht immer leicht ist, dafür wird aber eine wirkliche Person dargestellt; eine „Performance“ aus Fleisch und Blut, die nicht wie eine Performance anmutet. Und diese Darstellung wird eine noch nie Gesehene sein. Gerade deswegen finde ich das Besetzen von bekannten SchauspielerInnen langweilig – sie waren schon auf unzählige Arten und Weisen zu sehen, und es gibt für mich keine Überraschungen. LaiendarstellerInnen stellen generell weniger Fragen. Sie lassen sich bereitwilliger leiten und nehmen jeden Moment so an, wie er ist. Doch ich glaube, die besten SchauspielerInnen können das auch tun – wenn sie bereit sind, loszulassen. Das ist das Schwierigste. stelle fest, dass ich zunehmend ungern zwischen BerufsschauspielerInnen und LaiendarstellerInnen unterscheide, denn eigentlich geht es nur darum, die richtige Person für die Rolle zu finden, ob diese Person nun ausgebildet und erfahren ist oder nicht.

Jeder Ihrer Filme setzt sich auf sehr intime Art und Weise mit Raum und Umgebung auseinander. Was kommt zuerst: der Raum, die Erzählung oder die Figuren?
eine persönliche Beziehung zum Raum ist wesentlich. Es geht um ein Sprungbrett für meine Fantasie. Meine Gefühle in Bezug auf einen Ort stellen die Grundlage der Geschichte dar. Bei Archipelago war das am intensivsten, da mir die Insel [Tresco] seit meiner frühen Kindheit sehr vertraut ist. Bei Unrelated und Exhibition handelte es sich um relativ frische Beziehungen, die mich dennoch prägten. Erst wenn ich mich für das Setting entschieden habe, kann ich anfangen, die Geschichte zu entwickeln. Das Haus in Exhibition ist durchaus eine dritte Figur. Die Geschichte sollte in diesem modernistischen Haus spielen, weil die Moderne einen hervorragenden Schauplatz für Begegnung und Gefühl bietet. Es ist auch übersichtlich und klar und besitzt eine gewisse Dramatik. Die rosa Schiebetüren in Ds Arbeitszimmer wirken wie Vorhänge im Theater, wobei das Arbeitszimmer die Bühne darstellt. Was ich im Wesentlichen proben wollte, waren die Möglichkeiten, eine Privatsphäre innerhalb einer Paarbeziehung zu schaffen, noch dazu innerhalb eines Hauses, das kaum Geheimnisse zulässt.

 

Wie sind Sie auf den Architekten James Melvin gestoßen, dessen Haus wir in Exhibition so ausführlich sehen?
Das Haus begegnete meinem Mann Nick und mir zum ersten Mal in den frühen 90er Jahren, als ein Freund uns James Melvin und seine Frau Elsa vorstellte. Wir verstanden uns sofort gut – trotz des Altersunterschieds – und blieben über die Jahre in Kontakt, wobei wir das Haus oft besuchten. Für uns schienen sie das perfekte Paar zu sein, glücklich und noch sehr neugierig auf alles. Melvin hatte das Haus 1969 für sich und Elsa gebaut, als ihre Kinder schon erwachsen waren. Es war eine von nur wenigen privaten Wohnbauten, die er entwarf. In seiner Architektentätigkeit designte Melvin Gollins zumeist gewerbliche Gebäude, darunter den Zentralcampus der Universität Sheffield und den British-Airways-Terminal am Flughafen JFK.

Die Klangkulisse bei Exhibition ist ein besonders bemerkenswertes Element.
Das Diktum Bressons, dass „das Ohr kreativer als das Auge“ ist, hallt immer in meinen Ohren, und ich glaube voll und ganz daran. Einer der vielen Aspekte, die mir am Haus aufgefallen sind, war, wie Geräusche von der Straße in den Innenraum eindrangen, und manchmal war es so, als ob ein Geräusch, etwa das Schließen einer Autotür oder eine Stimme auf der Straße, von innen kam. Dieser Innen-Außen-Aspekt prägte die Klangkulisse. Ich wollte, dass D sich durch die Geräusche ganze Geschichten im Kopf vorstellen könnte, um damit die Vorstellung einer erschreckenden Außenwelt zu schaffen.

Jovan Ajder arbeitete an Ihren drei Spielfilmen mit ...
Jovan und ich haben eine sehr gute kreative Arbeitsbeziehung. Wir haben eine bestimmte Art und Weise der Zusammenarbeit aufgebaut, und da wir uns vertrauen, können wir Ideen viel weiter treiben. Wir haben ungefähr drei Wochen für die letzte Phase der Tonmischung gebraucht. Der genaue Prozess ist schwer zu beschreiben, aber wir haben bestimmte Szenen immer wieder bearbeitet, um genau die richtigen Sounds zu bekommen, sie zu schichten und aus Alltagsgeräuschen neue Rhythmen zu schaffen, und schließlich war es so, als ob wir Musik machen. Wir haben den Film vertont, und das geht nicht innerhalb von nur ein paar Tagen. Ich liebe es, Geräusche mit meiner Zoom H2 aufzunehmen, und mit diesen Aufnahmen ins Studio zu gehen, wo wir sie in den Klangteppich einweben. Es handelt sich um einen obsessiven Teil des Prozesses, und vielleicht auch um meinen Lieblingsteil.

Wie sehen Sie die aktuelle Landschaft in Bezug auf künstlerisches oder experimentierfreudiges Kino in Großbritannien?
Auffällig ist, dass es nun jüngere Generationen an Filmschaffenden gibt, denen nicht viel an Kinogeschichte geläufig ist. Im Vergleich zu den 80er Jahren gibt es weniger Orte, wo man Filme etwa von Tarkovsky oder Fellini im Kino sehen kann, und für diese jüngere Generation gibt es weniger filmische Bezugspunkte. In der Kunst würde man nie junge Kunstschaffende finden, die etwa die Maler der italienischen Renaissance oder Gainsborough oder Braque nicht studiert haben, aber im Film ist die Situation ganz anders – und möglicherweise besorgniserregend.

Und in Bezug auf Finanzierung? Ihre eigenen Filme werden unabhängig finanziert.
Schwer zu beantworten. Inzwischen werde ich von BFI (British Film Institute) und BBC Films gefördert, und sie haben mich mit ihrer vollen und unbedingten Unterstützung überrascht. Für mich war das eine Offenbarung, da ich vorher ein gewisses Misstrauen jeglichen Funk- und Fernsehanstalten oder Aufsichtsbehörden gegenüber hegte – teilweise durch meine Erfahrungen im Fernsehbereich und die Tendenz, dass man die Kontrolle über die eigene Arbeit verliert. Die Situation stellt sich nun für mich ganz anders dar, und mir ist es klar, dass Vertrauen nur über einen längeren Zeitraum aufgebaut werden kann. Nach drei Filmen können sie jedoch sehen, dass ich es ernsthaft betreibe, und dass meine Arbeit hoffentlich förderungswürdig ist. Das heißt nicht, dass es ab jetzt ganz leicht sein wird, aber zumindest kann ich meine Ideen irgendwo einbringen, und die Chancen, dass diese Projekte umgesetzt werden können, sind sehr groß.