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TRIBUTE 2016: Helena Třeštíková (CZ)

Nach der erfolgreichen Werkschau Sergei Loznitsa im letzten Jahr (dessen neueste Arbeit, der in Venedig uraufgeführte Dokumentarfilm Sobytie / THE EVENT (NL, BE 2015), ist als ein „Follow-up“ im April zu sehen), widmet CROSSING EUROPE das kommende Tribute der renommierten, mehrfach ausgezeichneten und ungemein produktiven tschechischen Dokumentarfilmregisseurin Helena Třeštíková, die bereits mit drei Arbeiten in den vergangenen Jahren bei CROSSING EUROPE zu Gast war.

Helena Třeštíková (*1949) studierte an der namhaften Prager Filmhochschule FAMU (Film and TV School of the Academy of Performing Arts) und graduierte im Fach Dokumentarfilm. Seit 1974 ist sie als professionelle Dokumentarfilmregisseurin tätig und schuf rund 50 dokumentarische Arbeiten von unterschiedlicher Länge und in verschiedenen Formaten (für Fernsehen und Kino), thematisch handeln ihre Filme von zwischenmenschlichen Beziehungen, zeichnen Biographien nach und kreisen um soziale und gesellschaftspolitische Themen – immer vor dem Hintergrund der tschechischen Gesellschaft im Wandel. Später wendet sie sich dann gezielt den sogenannten „time-lapse“ documentaries – den filmischen Langzeitbeobachtungen von Lebensgeschichten und -schicksalen zu; dabei ist sie stark der Tradition des Cinéma vérité verpflichtet.

Helena Třeštíková arbeitete sehr lange für das Tschechische Fernsehen, für das sie 1987 die Doku-Serie MARRIAGE STORIES – damals ein Publikumshit – drehte. In dieser Serie, der 20 Jahre später 2006 eine zweite „Staffel“ folgte, porträtierte sie sechs Ehepaare im Zeitraum von1987 bis 2006. Mit dieser Serie wurde Třeštíková über Nacht berühmt in Tschechien, und bereits hier ist ihre künstlerische „Signatur“, bzw. ihr Markenzeichen, Langzeitportraits auf Augenhöhe mit den ProtagonistInnen in Verbindung mit zeitgeschichtlichem, demographischen und sozialwissenschaftlichen „Blick“ deutlich zu erkennen.Während ihrer Zeit beim Tschechischen Fernsehen begann auch ihre intensive Beschäftigung mit weiblichen Biographien, wie etwa Frauenportraits, die durch totalitäre Ideologien des 20. Jahrhunderts Schaden nahmen. 1991 gründete Helena Třeštíková gemeinsam mit KollegInnen aus der Filmbranche und SoziologInnen die „Film and Sociology Foundation“ mit dem Ziel neue Erkenntnisse über Gesellschaften nach großen politischen Umwälzungen zu gewinnen und diese dann auch darstellen zu können. Es folgten fünf filmische Langzeitstudien von jungen StraftäterInnen mit dem Titel ŘEKNI MI NĚCO O SOBĚ – PAVLÍNA / TELL ME SOMETHING ABOUT YOURSELF, 1994 bis 1996 entstanden Filmportraits berühmter Persönlichkeiten ihres Landes. Seit 2002 hat sie einen Lehrauftrag im Fachbereich Dokumentarfilm an der FAMU. 2007 dann ein politisches Intermezzo – sie war für kurze Zeit Teil der tschechischen Regierung als Ministerin für Kultur- und Kunstangelegenheiten.

International bekannt und gefeiert wurde sie schließlich mit ihren Kinoarbeiten, die Ende der 2000er Jahre entstanden: Die Portrait-Trilogie MARCELA (2006), RENÉ (2008) und KATKA (2010) tourte weltweit erfolgreich von Festival zu Festival und erhielt zahlreiche Preise (u.a. wurde RENÉ 2009 mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet). Alle drei Arbeiten handeln von Außenseitern der Gesellschaft, die die Regisseurin fast zwei Jahrzehnte lang begleitet – geduldig und unaufdringlich nähert sie sich ihren ProtagonistInnen, deren Leben sich behutsam dem Publikum erschließt, ohne jedoch die Grenze zum Voyeurismus zu überschreiten. Zudem schafft es Třeštíková oft spielerisch, Bezüge zum jeweiligen politischen Geschehen in Tschechien herzustellen, z.B. durch Fernsehansprachen hoher Repräsentanten des Staates, Angelobungen oder auch Ausschnitte aus der Umbruchsphase der „Samtenen Revolution“, wie etwa in dem 2012 entstandenen Familienportrait SOUKROMÝ VESMÍR / PRIVATE UNIVERSE, das eine Zeitspanne von nicht weniger als 37 (!) Jahren abdeckt und neben dem Leben einer gewöhnlichen Familie auch noch vier Jahrzehnte an Veränderungen der tschechischen Gesellschaft abbildet.

Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass gleich zwei aktuelle Arbeiten des Tribute-Gastes in Linz ihre Österreichpremiere feiern werden: In MALLORY (2015), Weltpremiere beim Karlovy Vary Int. Film Festival 2015, begleitet Třeštíková die titelgebende Protagonistin und ihren harten Kampf für ein menschenwürdiges Dasein mehr als zehn Jahre. Die beiden Frauen lernten sich im Rahmen der Dreharbeiten zu einem Zyklus mit dem Titel „Women and Drugs“ im Jahre 2002 kennen, damals hinterließ Mallory einen bleibenden Eindruck – allen Widrigkeiten zum Trotz schafft sie es, Drogensucht, Obdachlosigkeit und zahlreiche Schikanen der Bürokratie zu überwinden und letztendlich als Sozialarbeiterin Fuß zu fassen.
Allgegenwärtig ist auch hier Třeštíkovás humanistische Grundeinstellung und der zurückhaltende Umgang der Regisseurin mit ihrer Protagonistin, geprägt von Respekt und Vertrauen – dazu meint Třeštíková: „Bei diesem Film war es extrem schwierig zu entscheiden, bis wie weit das Material für die Augen des Publikums bestimmt sein darf. Es gibt kein Handbuch, in dem zu lesen ist, was man als Filmemacherin zeigen darf und ab wann die Privatsphäre der ProtagonistInnen verletzt wird. Es ist von Fall zu Fall verschieden, immer abhängig von der Person und dem Kontext – genauso wie vom eigenen Gewissen.“ (zitiert aus dem offiziellen Presskit zu MALLORY, hrsg. von negativ film im Jahr 2015).

Die zweite aktuelle Österreichpremiere trägt den Titel Lída Baarová - Zkáza krásou / Lída Baarová – Doomed Beauty (2016), der im Jänner 2016 in Tschechien erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wird. Bereits 1995 widmete Helena Třeštíková der inzwischen schon fast vergessenen UFA-Diva ein 30minütiges TV-Portrait – wie schon bei anderen Projekten griff die Regisseurin früheres Material wieder auf um daraus einen Langdokumentarfilm neu zu gestalten (in diesem Fall darf sich das Publikum ganz besonders auf noch nie gezeigtes Archivmaterial aus zahlreichen europäischen Filmarchiven freuen).

Lída Baarová galt als einer der größten Stars der 1930er Jahre, sie reüssierte in der damaligen Tschechei, folgte schließlich dem Ruf aus Deutschland und avancierte in kurzer Zeit zu einem der Stars des NS-Films, zudem wurde ihr eine Liebschaft mit Joseph Goebbels nachgesagt, deren Ende auch den Niedergang ihrer zwiespältigen Karriere einläutete – aufgrund ihrer indifferenten Aussagen zu diesem Lebensabschnitt wurde sie die Schatten der Vergangenheit nie ganz los, ganz besonders in Tschechien, wo sie nach dem Krieg als „Staatsfeindin“ verhaftet wurde. Im Jahr 1995 führte Třeštíková ein mehrtägiges Interview mit Baarová, die sich inzwischen in Salzburg niedergelassen hatte und 2000 dort verstarb.


Insgesamt 14 Filme von Helena Třeštíková sind für eine Aufführung im Rahmen des Tributes 2016 geplant – mit freundlicher Unterstützung des Tschechischen Zentrums Wien (http://wien.czechcentres.cz/). Tribute-Gast Helena Třeštíková wird persönlich bei den Filmgesprächen anwesend sein, zudem ist im Rahmen ihres Aufenthalts eine Masterclass geplant.