Zum Inhalt Zum Hauptmenü

Arbeitswelten / Working Worlds 2019


Independent Women

(Katharina Riedler, curator)

Die Darstellung von arbeitenden Frauen im Film bedient oft Stereotypen – zwischen Hardcore-Business-Lady, gestresster Mutter und hoffnungsloser Romantikerin finden sich nur wenige lebensnahe und differenzierte Darstellungen. In der Realität verdienen berufstätige Frauen in ganz Europa bei gleicher Ausbildung immer noch weniger als Männer und sind von Altersarmut und finanzieller Abhängigkeit bedroht. Sie haben geringere Aufstiegsmöglichkeiten und wann immer soziale Unterstützungen gekürzt werden, sind sie eher davon betroffen. Immer noch ist konservative Rollenverteilung präsent und, durch rechte politische Strömungen gefördert, sogar wieder auf dem Vormarsch. Auch halten immer noch genug Männer ihre Karriere für wichtiger als die ihrer Partnerin und haben Frauen mit der Doppelbelastung Haushalt/Kinderbetreuung und Beruf zu kämpfen.

Die Arbeitswelten 2019 versammeln zwei Dokumentar- und zwei Spielfilme, die jeweils eine arbeitende Frau zum Mittelpunkt ihrer Erzählungen machen. Vier Filme, vier individuelle Geschichten, vier Frauen, die ihre Entschlossenheit eint und die als Einzelkämpferinnen in Erscheinung treten. Sie streben nach Unabhängigkeit und sind konfrontiert mit dem Druck, der auf sie einwirkt, von der Familie, den Vorgesetzten oder der Gesellschaft.

Eine glaubwürdige Darstellung von sozialem und persönlichem Abstieg einer Frau Ende dreißig liefert der Spielfilm Reise nach Jerusalem. Seit sie in ihrem Job durch eine Praktikantin ersetzt wurde, hantelt sich die alleinstehende Publizistin von einem erfolglosen Bewerbungsgespräch zum nächsten, während sie vom Arbeitsamt zu sinnlosen Weiterbildungsmaßnahmen verpflichtet wird. In einer Gesellschaft, die sich über Erfolg definiert, kämpft sie um ihren sozialen Status und gegen die Verarmung – bis es ihr reicht.

Als sich die finanzielle Situation ihrer Familie im krisengebeutelten Griechenland zuspitzt, reicht es auch der Hausfrau Panayota, und sie nimmt zum ersten Mal in ihrem Leben einen Job an. In der Arbeit trifft die funktionale Analphabetin auf ausbeuterische Zustände, geringe Bezahlung und Kurzzeitverträge, aber auch auf Solidarität unter Kolleginnen. Ihr arbeitsloser Ehemann nimmt sie und ihren Job als Putzfrau nicht ernst und fühlt sich bedroht, als sich die Machtverhältnisse im konservativen Haushalt verschieben. Trotz der widrigen Umstände ist in Nikos Labôts lebensnaher Studie I doulia tis die Anstellung für die Hauptfigur eine befreiende Kraft und ein kleiner Schritt in Richtung Emanzipation und ökonomische Autonomie.

Einer neuen Herausforderung stellt sich auch die Jung journalistin Astrid, die für einen französichen TV-Sender zum ersten Mal von einem Wahlkampf berichtet. Der Dokumentarfilm Première campagne begleitet sie bei ihrer Arbeit, die von Zeitdruck und dem medialen Gedränge rund um den Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron geprägt ist.

Chez Jolie Coiffure hingegen zeigt in eine Arbeitswelt, die vor allem der weißen Bevölkerung Europas wohl nur vom Blick durch ein Schaufenster bekannt ist. Die aus Kamerun stammende Sabine managt einen winzigen Friseursalon im Viertel Matongé in Brüssel, der ausschließlich von Frauen aus Afrika frequentiert wird. Sabines Weg nach Belgien führte sie zunächst über den Libanon, wo sie nur Leid und Ausbeutung vorfand. Also brach sie vor sieben Jahren nach Europa auf, in ein Arbeitsumfeld inmitten der Unsicherheit über den eigenen Aufenthaltsstatus, während vor der Tür weiße TouristInnen vorbeispazieren und die Polizei Razzien durchführt.