Zum Inhalt Zum Hauptmenü

Architektur & Gesellschaft 2019

Raum, Zeit, Geschichte

(Lotte Schreiber, filmmaker and artist, Vienna)

Raum speichert die Zeit, die sich ihm einschreibt. Er ist eine allgegenwärtige Zeitmaschine, die uns in Form von Städten, Dörfern und einer schier unüberschaubaren Anzahl von Bauwerken begegnet. An gebautem Raum lässt sich unsere Geschichte ablesen, er spiegelt Gesellschaftsmodelle, politische Systeme und historische Umwälzungen ebenso wider wie individuelle Existenzen. In jüngeren kulturhistorischen Untersuchungen wird zunehmend berücksichtigt, Architektur nicht mit ihrer Fertigstellung als abgeschlossen zu betrachten, sondern verstärkt den gesellschaftlichen Umgang und ihre beständige Transformation ins Blickfeld zu rücken. Durch ihren immanenten Öffentlichkeitscharakter ist Architektur beständig kollektiven Identitäten und deren Interessen unterworfen. Praktiken der Gestaltung und der Aneignung von Räumen verändern sich im Lauf der Geschichte, sie produzieren Schichten durch Überbauungen, Ab- und Umnutzung, Renovierung, gewaltsame Zerstörung, Abriss oder Verfall, die unsere gebaute Umwelt mitbestimmen.Unter dem Titel „Raum, Zeit, Geschichte“ geht die Programmsektion Architektur und Gesellschaft als erfolgreiche Kooperation von Crossing Europe mit dem afo architekturforum oberösterreich in diesem Jahr bereits in die zehnte Runde. Sie bildet den konkreten Auftakt zum aktuellen inhaltlichen Schwerpunkt des architekturforums, der im Herbst 2019 als Ergebnis des Forschungsprojekts „Kontaminierte Orte“ der Öffentlichkeit präsentiert wird. Im Zentrum einer geplanten Ausstellung stehen in Folge ausgesuchte Orte in Oberösterreich, denen unterschiedliche Geschichten des Desasters, des Verbrechens und gesellschaftlicher Verwerfungen eingeschrieben sind. Vor diesem Hintergrund versammelt das diesjährige Filmprogramm am Crossing Europe Filmfestival einen Kurzfilm und vier Dokumentarfilme, die auf unterschiedliche Weise historische und gesellschaftlich-kulturelle Schichten und Geschichten aus Räumen frei legen. So begegnen wir in Alexandra Westmeiers bildgewaltigem Dokumentarfilm Lost Reactor den ProtagonistInnen Olga, Vitaly und Sergey, die in der Ruine eines Atomkraftwerks auf der Halbinsel Krim einen Zufluchtsort gefunden haben. Der Lauf der Geschichte, vom Zusammen-bruch des sowjetischen Imperiums bis hin zur Annexion der Krim, trifft auf individu-elle Lebenswelten. Temporäres Refugium für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ist auch die zentrale Busstation von Tel Aviv. Tomáš Elšíks Central Bus Station porträtiert dieses mächtige Verkehrsbauwerk als Sammelbecken der israelischen Gesellschaft und gibt dabei auf beeindruckende Weise Einblick in die Geschichte des Landes. Eine tatsächliche Zeitkapsel ist die bis unter den Plafond vollgeräumte Altbauwohnung in Nora Agapis preisgekröntem Film Timebox, ein intimes Porträt der rumänischen Filmemacherin über ihren Vater, der, selbst Filmer und Fotograf, zu den wichtigsten Chronisten der rumänischen Gesellschaft zählt. Adnan Softić’s Kurzfilm Bigger Than Life widmet sich der nordmazedonischen Hauptstadt Skopje und hinterfragt auf pointierte Weise anhand des dortigen Baugeschehens die Konstruktion einer fiktiven Geschichte. Eine facettenreiche Annäherung an die belgische Industriestadt Charleroi gelingt Guy-Marc Hinant mit seinem essayis-tischen Dokumentarfilm Charleroi, le pays aux 60 montagnes, der von der Ver-gangenheit des Orts erzählt und dabei gleichzeitig den Blick auf dessen Zukunft richtet.