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The Family Issue

(Dominik Tschütscher, Cinema Next)

In Je vois rouge geht die 30-jährige Filmemacherin Bojina Panayotova den Verbindungen ihrer Eltern zur Nomenklatura im sozialistischen Bulgarien nach. Eine Szene aus ihrem Dokumentarfilm steht symbolhaft für den diesjährigen Fokus von Cinema Next Europe, der Programmreihe für junge, neue Stimmen im Kino Europas.Bojina filmt ihre Mutter, die soeben Einsicht hatte in ein Dokument, das sie als Kollaborateurin der Geheimpolizei von damals outet. „Du filmst nicht mehr, oder doch?“, fragt sie ihre Tochter, die bislang alles mit der Kamera dokumentierte. Die Tochter lügt: „Nein.“ – „Okay“, sagt die Mutter, spricht weiter, bemerkt aber ein rotes Licht an der Kamera, die offenbar doch noch aufnimmt, und reagiert zornig: „Was du tust, ist unerhört!“Auf der Suche nach Geschichten landen junge FilmemacherInnen oft bei sich selbst und ihren eigenen Familien. Sie wollen Familienprobleme dokumentieren, wie Valentina Primavera die Trennung ihrer Eltern in Una Primaveraund Felicitas Sonvilla die Beziehung zu ihrem Bruder in Mein Bruder kann tanzen. Sie wollen Familiengeheimnissen auf den Grund gehen, wie Arthur Gillet dem Leben seiner Großmutter aus Belgisch-Kongo in Un amour rêvé und eben Bojina Panayotova in Je vois rouge. Oder sie begleiten eine Familie in ihrem Alltag, wie Leonor Teles in Terra Franca.  Nur: Oft fehlt den FilmemacherInnen die Distanz. Die Kamera lauert in jeder Ecke, jedes Skype-Gespräch wird mitgefilmt, die Rollen von FilmemacherIn und Familienmitglied vermischen sich und die Grenzen, wie weit man für den Film gehen darf, verschwimmen. Plötzlich wird der Prozess der (auch sehr persönlich ausgetragenen) Auseinandersetzung im Film sehr präsent; oder die FilmemacherInnen verlieren die Kontrolle, wenn ihre ProtagonistInnen streiken oder die Regie manipulieren; oder sie tauchen immer tiefer ein in Bilder, Erinnerungen und Fantasien, sodass sie sich im Laufe des Filmens immer wieder fragen müssen, worum es im Film jetzt eigentlich geht: Ist das ein Film über die Familie? Über die Gesellschaft, deren Teil die Familie ist? Oder doch über sich selbst?Leonor Teles’ Porträt über den portugiesischen Fischer Albertino ist die (fast möchte man schreiben: fiktionalisierte) Ausnahme in unserer diesjährigen Reihe der „Familien-Filme“, bei dem die Filmemacherin sich nicht selbst einbringt, zumindest nicht vordergründig. Wie ein Kind, das immer am Tisch oder im Boot dabeisitzt und alles mitbekommt, begleitet sie Albertino und seine Familie bei der Arbeit, zu Hause beim Essen, bei der Vorbereitung zur Hochzeit einer seiner beiden Töchter. Ebenso wie die anderen legt auch dieser Film Familienstrukturen frei, allerdings hier ohne auf deren Verlauf und Verhältnisse direkten Einfluss zu nehmen.„Warum schreibst du keine Fiktion?“, fragt der verärgerte Vater in Je vois rouge seine in der Familiengeschichte wühlende Tochter: „Geheimnisse zu haben ist ein Menschenrecht, und jeder hat das Recht, mit diesen zu sterben.“ Das Recht einer jungen Generation neugieriger FilmemacherInnen ist es aber, ihren Fragen nachzugehen und daraus etwas zu gestalten, das für mehr steht als nur die dabei freigelegten Geheimnisse. Im besten Fall verbindet sich dann eine therapeutische Wirkung für die Familie mit Erkenntnissen über das Leben, die auch für Außenstehende offenbar werden.