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Tribute 2019: Jaime Rosales

Photo: Jaime Rosales © Filmfactory

Ich mache Filme, um mich selbst zu entdecken. Ich halte mich nicht für einen guten Regisseur. Ich bin wie Sisyphus. Ich versuche den Gipfel zu erreichen und fange dann wieder von vorne an. So bietet mir jeder Film jedoch die Gelegenheit, die Filmsprache zu erkunden. … Obwohl meine Filme persönlich sind und sich mit Themen beschäftigen, die mich interessieren, werden sie zu dem Zweck gemacht, gesehen zu werden. Das Publikum ist nicht mein Freund, es ist mein Feind in dem Sinne, dass es mir nicht verzeiht, wenn ich etwas erschaffe, was sie nicht mögen, schließlich haben sie ja Zeit geopfert und Geld ausgegeben, um den Film zu sehen. 

Jaime Rosales, Pressekonferenz Thessaloniki Int. Film Festival, November 2018


Dieses Jahr widmet CROSSING EUROPE die Tribute-Sektion dem aus Katalonien (Spanien) stammenden preisgekrönten Regisseur und Drehbuchautor Jaime Rosales. Im Rahmen des Festivals werden all seine bisherigen Langspielfilme – sechs an der Zahl – auf großer Leinwand aufgeführt, in Anwesenheit des Regisseurs, der zudem auch eine Masterclass in Linz abhalten wird. Seine neueste Arbeit PETRA, uraufgeführt in Cannes, ist als Österreichpremiere in Linz zu sehen.

  • LAS HORAS DEL DÍA / THE HOURS OF THE DAY (ES 2003, 103 min) – Österreichpremiere CROSSING EUROPE 2004
  • LA SOLEDAD / SOLITARY FRAGMENTS (ES 2007, 130 min)
  • TIRO EN LA CABEZA / BULLET IN THE HEAD (ES/FR 2008, 84 min)
  • SUEÑO Y SILENCIO / THE DREAM AND THE SILENCE (ES/FR 2012, 110 min) – Verleih in Österreich: Stadtkino Filmverleih
  • HERMOSA JUVENTUD / BEAUTIFUL YOUTH (ES/FR 2014, 103 min)
  • PETRA (ES/FR/DK 2018, 107 min) – Österreichpremiere CROSSING EUROPE 2019

Jaime Rosales wurde 1970 in Barcelona geboren und studierte an der prestigeträchtigen San Antonio de los Baños International Film and Television School (EICTV) in Kuba. Danach verschlug es ihn nach Australien, wo er an der Australian Film Television and Radio School Broadcasting Entertainment (AFTRSBE) sein Studium fortsetzte. Nach seiner Rückkehr nach Europa begann er als Drehbuchautor fürs Fernsehen zu arbeiten und gründete 2001 seine eigene Produktionsfirma Fresdeval Films. 

Schon sein erster Spielfilm (LAS HORAS DEL DÍA) war international erfolgreich und wurde – so wie vier weitere seiner Filme – bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes uraufgeführt. Seither ist er einer der wichtigsten Stimmen des spanischen Gegenwartskinos, der sich mit jedem seiner Filme neu zu erfinden scheint. Kein Film gleicht der vorangegangenen Arbeit, jeder seiner sechs Langspielfilme weist eine eigenständige künstlerische Handschrift auf. Besonders beeindruckend die Experimentierfreudigkeit wie auch die Konsequenz mit der Rosales jedes Mal seine cinematographische Vision umsetzt. Mal versucht er sich an technischen „Spielereien“ (z.B. der Einsatz von Splitscreens in LA SOLEDAD oder der damals noch neuen Medien wie z.B. Skype in HERMOSA JUVENTUD), ein anderes Mal hinterlässt eine stringent geführte Kamera bleibenden Eindruck. Man denke etwa an das Terrordrama TIRO EN LA CABEZA, das nie nah am Geschehen dran ist, sondern wie bei einer Wildtierdokumentation (Rosales selbst verwendete in einem Interview diesen Vergleich) alles aus der Distanz beobachtbar macht.

Auch in seiner aktuellen Produktion PETRA ist es evident, dass die exzessiv eingesetzten Schwenks mit der Steady-Cam bewusst als Stilmittel gewählt wurden. Rosales arbeitet sowohl mit professionellen SchauspielerInnen als auch mit Laien, manchmal verzichtet er fast zur Gänze auf Dialoge, ein anderes Mal ist Sprache ein integraler Bestandteil eines Films.  
Sein Kino ist geprägt von einer scharfen Beobachtungsgabe und einem Instinkt für soziale Verwerfungen, sei es nun der Mörder „von nebenan“ (LAS HORAS DEL DÍA), die fehlenden Perspektiven der jungen Generation in Spanien in Zeiten der Wirtschaftskrise (HERMOSA JUVENTUD), das Sozialgefüge Familie als vielschichtiger Mikrokosmos (SUEÑO Y SILENCIO), die Bombenangriffe von Madrid (LA SOLEDAD) oder der Terror der ETA (TIRO EN LA CABEZA). 

Sein Oeuvre ist geprägt von einem untrüglichen Gespür für Atmosphäre, die das Publikum gekonnt in die Geschichten hineinzieht und es so dazu bringt, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die man eigentlich verdrängen will. Als offenkundiger Stilist zeigt Jaime Rosales immer Interesse am Ausloten formaler Grenzen beim Geschichtenerzählen auf der großen Leinwand. 

// Das Tribute 2019 wird in Zusammenarbeit mit dem Institut Ramon Llull durchgeführt. //  


Schwache Killer, Starke Frauen

Maya McKechneay
film critic, filmmaker, author

Das Schicksal ist ein punktgenauer Schütze, zumindest im Werk von Jamie Rosales. Sieht es irgendwo eine Schwachstelle, zielt es und – boom – ist die Hoffnung erloschen. Dabei haben es die Figuren sowieso schon nicht leicht. Die meisten Drehbücher des Regisseurs spielen während der Wirtschaftskrise, die die sozial Schwachen, die in der Peripherie spanischer Städte vor sich hinwursteln, besonders hart trifft.

So wie Natalia, die wunderschöne Hauptfigur von Hermosa juventud (2014). Die junge Frau versucht, alles richtig zu machen. In der engen Wohnung, die sie mit ihrer alleinerziehenden Mutter und dem aufmüpfigen Bruder teilt, will sie Streit schlichten, will Geld dazuverdienen. Doch sie findet keinen Job. Und schon holt das Schicksal aus – und Natalia wird schwanger von ihrem Freund, einem Träumer und Gelegenheitsbauarbeiter, der wie sie selbst noch daheim bei seiner pflegebedürftigen Mutter wohnt.

„Wenn man den Frauen sagen würde, wie hart es ist, würden sie keine Kinder mehr bekommen und die Menschheit müsste aussterben“, sagt Natalias Mutter – bevor sie Vorbereitungen trifft, um ein weiteres Maul zu stopfen. Hermosa juventud ist ein Film über Frauensolidarität und das Versagen der Männer, die – unfähig, Verantwortung zu tragen – lieber über Pornos, Videospiele und Fußball reden.

Diese Perspektive auf die Geschlechter zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des 49-jährigen Rosales: Da sind auf der einen Seite starke Frauen, die kämpfen, um die Wahrheit zu finden, um Gefühlen zu ihrem Recht zu verhelfen – oder ganz einfach, um finanziell zu überleben. Und auf der anderen Seite die Männer, die keinen Kontakt zur eigenen Gefühlswelt finden und sich stattdessen in zwielichtige Unternehmungen stürzen.

So wie Abel (Àlex Brendemühl), der zerrissene Held von Rosales’ Debütfilm Las Horas del Dia, mit dem der Regisseur 2004 seinen Linz-Einstand im Wettbewerb von Crossing Europe gab. Abel erscheint als fügsamer, schweigsamer Boutiquenbesitzer ohne besondere Merkmale.

 „Schau dich doch an, nichts erregt dich!“, klagt seine Freundin Tere, bevor sie ihn verlässt. Doch Tere irrt, Abel hat durch-aus eine Passion: Er liebt es, Menschen zu erwürgen. Das Publikum sieht, was Abels Mutter, seine Kollegin und die (Ex-)Freundin nicht ahnen: Wie er eine Taxifahrerin zu ihrer letzten Fahrt in die Sümpfe lockt. Und wie er auf leisen Sohlen einem alten Mann in die U-Bahn-Toilette folgt. Wahllos sucht er seine Opfer, denn es ist weniger das Leben als das Töten, das ihn interessiert.

Schon in diesem Debütfilm findet man den für Rosales so typischen Kamerablick von außen hinein in die Räume. Seine langsam geschnittenen Gesprächsszenen wirken, als stünde man am Fenster einer Vorstadtwohnung und blicke durch die Küche ins dahinter liegende Esszimmer. Dabei hat dieser Blick, der statisch bleibt und nicht atmet, so gar nichts Voyeuristisches, er betont vielmehr das Zufällige der Auswahl: Diese Familie beobachten wir. Aber es könnte genauso gut jene einen Stock höher oder jene im Nebenhaus sein. Die großen Themen, die Rosales’ Kino verhandelt – Angst vor Armut, Loslassen im Alter, schmerzvolle Liebe und plötzlicher Tod – betreffen schließlich alle. So wie die Wirtschaftskrise im Übrigen auch.

Das Beispielhafte seiner Filmstoffe mag Rosales seinem deklarierten Vorbild Robert Bresson abgeschaut haben, der sich weniger für das Individuum interessierte als für „Modelle“ als Stellvertreter der Gesellschaft. Rosales’ sechs Filme ähneln einander, indem sie ihre Figuren betrachten, ohne zu psychologisieren, und dennoch experimentiert jeder mit einer eigenen Form.

Das formal radikalste Experiment wagt Rosales im Anti-Thriller Tiro en la Cabeza: Hier wächst sich der oben beschriebene distanzierte Blick zum tele-objektivischen Abstand aus. Einmal braust sogar der Verkehr einer Straße zwischen der Kamera und dem „Helden“ des Films, einem Mann mittleren Alters, dessen Unterhaltung man durch die Scheibe einer Bar sieht, ohne sie zu hören, weil auch der Ton auf der anderen Straßenseite bleibt. Dieser Film hat den Charakter einer Observation – und tatsächlich wird sich herausstellen, dass die Hauptfigur unter polizeilicher Beobachtung steht. Sie hat einen Plan, wie auch der Film einen Plot hat, doch beides zu erkennen verlangt vom Publikum Geduld.

Vergleichsweise harmonisch und deutlich narrativer beginnt jene Arbeit, die Rosales vor Tiro en la cabeza in Cannes präsentierte: La soledad ist ein klug gebautes Alltagsdrama, dessen Splitscreens die Einsamkeit der Figuren betonen. Da ist Adela, eine alleinerziehende Mutter, die ihren Sohn in der Provinz großzieht. Der Vater des Buben pumpt sie an, statt Alimente zu zahlen. Schließlich packt Adela Kind und Koffer und wagt den Neustart in Madrid. Sie zieht in die WG von Ines, deren Familiengeschichte ein paralleler Handlungsstrang erzählt. Doch gerade als die beiden Frauen sich verbünden, nimmt sie das Schicksal ins Visier.

Ähnlich Kindern im Kasperltheater möchte man den Handelnden in solchen Momenten „Vorsicht, das Krokodil!“ zurufen, um sie vor den Tücken des Drehbuchs zu warnen. Aber vielleicht braucht es diese Härte, weil Rosales’ Figuren ihren wahren Charakter erst in der Krise offenbaren, wie Petra zum Beispiel, die im gleichnamigen, 2018 in Cannes vorgestellten Film zur Heldin einer großen Tragödie wird. Ohne zu viel zu verraten: Petra ist eine Art weiblicher Ödipus-Sage, deren Heldin vielfach leidgeprüft wird. Aber immerhin, durch eine menschliche Geste triumphiert sie am Ende doch über ihr Schicksal – oder sollte man besser sagen, über das von Männern über sie gebrachte Leid.

Bleibt noch das subjektiv schönste Werk des Tributes: Sueño y silencio (2012). Der einzige Film der Reihe, der außerhalb von Spanien – in Paris – gedreht ist, erzählt von einem Paar, sie Lehrerin, er Architekt, das bei einem Autounfall eine der beiden Töchter verliert. Nach dem Crash fehlt dem Vater jede Erinnerung an das tote Kind, er lebt weiter, als sei nichts passiert, und lässt die Mutter in ihrem Schmerz allein. Hier kippt der Film ins Wundersame und zeigt uns in einer überirdisch schönen, minutenlangen Plansequenz die Wiedervereinigung der Mutter mit beiden Töchtern. Vielleicht – siehe Titel! – handelt es sich um den Traum einer Frau, die das Schweigen ihres Mannes nicht mehr erträgt. Vielleicht haben wir es aber auch mit guten Geistern zu tun; wer weiß. Ein magisches Schutzschild ist jedenfalls genau das, was man Rosales’ Figuren wünscht – um die Kugeln des Schicksals auch mal zurückzuschleudern und einfach nur glücklich zu sein.