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Sense and Sensibility

(Dominik Tschütscher, Cinema Next)

Manche Filme kommen wie gerufen.

Germania, ein Dokumentarfilm von  Lion Bischof, beobachtet eine schlagende  Studentenverbindung in München  bei ihren sportlichen Übungen, wöchentlichen  Sitzungen und bierseligen Feiern.  Der Film wirkt wie ein bedrohlicher  Kommentar auf die in Österreich aufflammende  Debatte über Einfluss und  Präsenz nationalistischer Strömungen,  die aus Burschenschaften hervorgehen  und seit den letzten Nationalratswahlen  nun auch in der Regierung vertreten sind.  Ein Zufall, dass der Film von einem Corps  handelt, das den gleichen Namen trägt  wie die pennale Burschenschaft in Wiener  Neustadt, in deren Liederbuch NS-Texte  standen und gegen die nun ermittelt wird. 

Team Hurricane, ein Spielfilm von  Annika Berg, beobachtet eine schlagfertige  Mädchentruppe, die sich gegen die  Schließung eines Jugendcenters wehrt.  Playing Men, ein Dokumentarfilm von  Matjaž Ivanišin, beobachtet Männer beim,  ganz einfach, Spielen. Beide Filme wirken  wie befreiende Kommentare auf die derzeitige  #MeToo- und Time’s Up-Bewegung,  die sich gegen sexuelle Übergriffe  und Geschlechter-Diskriminierung wehrt.  Der eine ist dank Trash- und Punk-Anleihen  ein Loblied auf die Durchsetzungskraft  junger Frauen, der andere eine  poetische Verneigung vor der Schönheit  des kompetitiven (männlichen) Spiels. 

Diese Filme könnten aktueller nicht  sein. Sie wirken aber auch zeitlos und  wie von gestern: Corps, Burschenschaften  oder andere (rechts-) konservative Schüler-  und Studentenverbindungen  gibt es seit Jahrhunderten, Girl Power  ist auch kein Schlagwort erst der letzten  Jahre, und männlicher Wettbewerb ist  ständiger Begleiter der Menschheitsgeschichte. 

Ist es also Zufall, dass diese Filme  so zeitgemäß erscheinen?
In der Sichtungsphase zum diesjährigen  Programm von Cinema Next Europe,  in der wir über 100 Filme von aufstrebenden  jungen FilmemacherInnen empfohlen  bekommen und entdeckt haben, sind  nicht allzu viele direkte filmische Reaktionen  auf aktuelle Geschehnisse – abgesehen  von der Europa immer noch in Atem  haltenden Flüchtlingsbewegung. Die jungen  Filmschaffenden reagieren nicht auf  News, sondern sind ständige Sensoren  einer Gesellschaft. Sie springen nicht hinein  in die Echokammern von aufbrausenden  Themen, sondern hören und schauen  zu, nehmen wahr und übersetzen das in  ein persönliches filmisches Werk. 

Auch die drei Kurzfilmprogramme  unserer diesjährigen Auswahl können so  gelesen werden: Ein Programm erzählt  poetisch Geschichten von Individualität  und gewollter Einsamkeit und wie  brüchig Zusammenleben sein kann. Ein  Programm vereint ständige Bewegungsströme  innerhalb Europas, die nicht erst  seit der Öffnung der Balkanroute aktuell  sind: Auch ein junger Musiker aus Portugal  kann seine Heimat verlassen, um  in Berlin womöglich besser leben zu wollen.  Und ein Programm beobachtet die  Haarrisse im Alltag: Da wirken ein fortgelaufener  Hase oder eine zerbrochene  Teekanne auf Familien- und Freundschaftsdynamiken  ein.  Sensibel und genau beobachten die FilmemacherInnen  und zeigen uns die Welt  und wie sie tickt aus ihren Augen. Und  im glücklichen Fall treffen sie genau den  Nerv der Zeit.