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Tribute

Im April 2017 wird CROSSING EUROPE als erstes Filmfestival eine filmische Gesamtschau der Arbeiten des polnischen KünstlerInnenpaares Anka und Wilhelm Sasnal präsentieren, die mit ihrem aktuellen Spielfilm SŁOŃCE, TO SŁOŃCE MNIE OŚLEPIŁO / THE SUN, THE SUN BLINDED ME (PL, CH 2016) eröffnet wird.

Der Film wurde beim renommierten Filmfestival in Locarno uraufgeführt und erhielt für seine politische Aktualität und künstlerische Qualität seitens der Kritik viel Lob. Die beiden TRIBUTE-Gäste sind keine Unbekannten für das Linzer Festivalpublikum, waren sie doch bereits in der Vergangenheit zweimal im Festivalprogramm vertreten. 2012 gewannen sie mit dem in Rotterdam uraufgeführten Spielfilm Z daleka widok jest piękny / It Looks Pretty from a Distance (PL 2011) den Hauptpreis in Linz und kehrten mit HUBA / PARASITE (PL, GB 2014) erneut zurück.

Anka Sasnal ist 1973 im polnischen Tarnów geboren und studierte polnische Literatur und Gender Studies in Krakau, sie lebt gemeinsam mit Wilhelm Sasnal, der ebenfalls in Tarnów geboren wurde und in Krakau Architektur und Malerei studierte, als Drehbuchautorin, Cutterin und Filmemacherin in Krakau. Wilhelm Sasnal hat als bildender Künstler international durch eine Reihe von Einzel- und Gruppenausstellungen in renommierten Galerien und Kunsthäusern (u.a. Centre Pompidou, Tate Modern, Frankfurter Kunstverein, MoMA New York, Whitechapel Art Gallery London und Guggenheim) mit Bildender Kunst in Form von Gemälden, Comic-Büchern, Zeichnungen, Fotografien und Videos auf sich aufmerksam gemacht.

Die erste gemeinsame längere Filmarbeit ist der 2008 entstandene Świniopas / Swineherd, in dem der titelgebende Schweinhirt – Hans Christian Andersens Kunstmärchen „Der Schweinehirt“ (1842) diente als Vorlage – sich bei einem unsympathischen Bauern in der polnischen Provinz verdingt und heimliche Liebesbriefe eines lesbischen Pärchens hin- und her schmuggelt. In schwarz-weiß gedreht, steht hier das surreale filmische Ergebnis stärker im Vordergrund als eine geradlinige Narration, performative Elemente wechseln sich mit dokumentarischen und Experimentalfilm-Einsprengseln ab, dazu ein wuchtiger, meist unerwartet einsetzender Score mit Nummern von Elvis Presley bis hin zu zeitgenössischen atonalen Stücken. Bereits bei diesem ersten gemeinsamen Filmprojekt werden signifikante Merkmale ihrer künstlerischen Kollaboration sichtbar: Die intensive Beschäftigung mit Sprache, Texten und literarischen Vorlagen, die sie dann in eine für sie adäquate Bildsprache bzw. in Bewegtbild transformieren. In Interviews betonen die beiden mehrfach, dass sie kein Interesse an einem konventionellen Storytelling haben, der Plot einer Geschichte ist für sie zweitrangig, cinematographische Bildsprache und Atmosphäre sind ihnen dafür umso wichtiger. Dabei suchen sie stets nach einer Balance zwischen abstrakten Bildern und der Realität. „Unser Denken über Film kommt aus der Literatur, aber nicht wegen der Handlung, sondern eher der Poesie und der Struktur. Wir experimentieren beim Dreh viel.“ (Monopol-Magazin für Kunst und Leben, Onlineausgabe, 12.2.2014). Nach ihren filmischen Vorbildern gefragt fallen u.a. Namen wie Bruno Dumont, Ulrich Seidl, Michael Haneke, der frühe Andrzej Wajda, Jerzy Skolimowski und die Vertreter der „Neuen Rumänischen Welle“.

Ihren Filmen kann man eine dezidiert politische Haltung attestieren – thematisch kreisen Anka und Wilhelm Sasnal um die gegenwärtige Verfasstheit der polnischen Gesellschaft, den zunehmenden Fremdenhass, das Verhältnis der polnischen Gesellschaft zur katholischen Kirche und ganz besonders um die jüngere polnische Vergangenheit - lange galt Polen bzw. sah sich Polen ausschließlich als Opfer der Nationalsozialisten, gerade um die Jahrtausendwende wurde jedoch polnische Verstrickungen bzw. Beteiligungen an den Gräueltaten des Nazi-Regimes öffentlich diskutiert und künstlerisch aufgearbeitet. Schon im Film Świniopas / Swineherd wird die „Nazi-Vergangenheit“ an die Oberfläche gespült und zwar in Form von Tellern mit Hakenkreuz, die der Sumpf freigibt. Ihren Arbeiten darf ruhig eine dystopische Weltsicht, aber – nach eigenen Angaben – weniger eine pessimistische zugesprochen werden und ein unverhohlenes Interesse für die „dunkle“ Seite des Menschen. 

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