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Spotlight 2020: Mark Jenkin

Aufgrund der Covid-19-Pandemie musste die 17. Ausgabe von Crossing Europe Filmfestival Linz abgesagt werden.

Mit dem Alternativprogramm „Crossing Europe 2020 – EXTRACTS“ lädt Crossing Europe  zu einem analogen Kinovergnügen ab Herbst 2020.

 

 


Mark Jenkin; photo: Steve Tanner
Hard, Cracked the Wind; photo: Early Day Films
Bait; photo: Early Day Films
Bronco’s House; photo: Early Day Films

Nach der preisgekrönten Regisseurin Yeşim Ustaoğlu aus der Türkei, der rumänischen Erfolgsproduzentin Ada Solomon und der albanischen Filmemacherin und Filmkonservatorin Iris Elezi rückt CROSSING EUROPE in diesem Jahr den unabhängigen britischen Filmemacher, Drehbuchautor, Kameramann und Cutter Mark Jenkin ins Zentrum der Programmsektion SPOTLIGHT. Mark Jenkin war bereits zu Gast in Linz, er hat letztes Jahr sein vielbeachtetes Kinodebüt BAIT (GB 2019) dem Linzer Festivalpublikum vorgestellt. Zudem ist er Teil der Jury Competition Fiction bei CROSSING EUROPE 2020.

Mark Jenkin (*1976) stammt aus Cornwall im Südwesten Englands, wo er auch lebt und arbeitet. Seit 1997 sind mehr als 50 kurze und mittellange Arbeiten entstanden, neben seiner Tätigkeit als unabhängiger Filmemacher ist er auch Lehrbeauftragter an der Falmouth University in Cornwall. 2012 schrieb er das „Silent Landscape Dancing Grain 13 Film Manifesto“, in dem er mit 13 Regeln die Grundessenz seines Filmschaffens skizziert. 

2019 gelang ihm der internationale Durchbruch mit seinem Spielfilmdebüt BAIT (2019), das bei der Berlinale 2019 uraufgeführt wurde und danach in der CROSSING EUROPE-Wettbewerbssektion Competition Fiction seine Österreichpremiere feierte. In BAIT greift er thematisch und formal auf frühere Kurzfilme zurück, wie etwa die Verortung der Geschichte an der Küste von Cornwall und die Veränderungen in Bezug auf traditionelle Lebens- und Arbeitsweisen oder die bemerkenswerte Bildästhetik in körnigem Schwarz-Weiß. BAIT wurde auf 16mm gedreht und die Tonspur später separat dazu montiert, was – typisch für die Arbeiten von Jenkin – eine ganz besondere Intensität der Bilder und Töne erzeugt. Die Filmkritik fand großen Gefallen an der Art und Weise, wie ein so sperriges Thema wie „Gentrifizierung“ künstlerisch gekonnt verhandelt wurde (und dabei auch der Humor nicht zu kurz kommt), so konnte man etwa in der Qualitätszeitung The Guardian nachlesen: „Bei Bait handelt es sich um den maßgeblichen britischen Film des Jahrzehnts“. Darum nicht weiter verwunderlich, dass der Film gleich in zwei Kategorien für den renommierten britischen Filmpreis (BAFTA) nominiert ist. (Anm. Mark Jenkin hat für „Bait“ den BAFTA 2020 für Bestes Debüt eines Britischen Autors und Regisseurs gewonnen.)

Das Spotlight umfasst eine Auswahl an Kurzfilmen sowie den Kinodebütfilm BAIT (GB 2019). Spotlight-Gast Mark Jenkin wird sowohl in Linz als auch im Österreichischen Filmmuseum in Wien (26. April) bei den Filmvorführungen persönlich anwesend sein, zudem findet im Rahmen von CROSSING EUROPE ein Spotlight-Talk statt. 

 

| Filmliste – Spotlight Mark Jenkin |

Bronco's House (GB 2015; 44 min.) – Österreichpremiere 
Dear Marianne (GB 2016; 6 min.) – Österreichpremiere
The Road to Zennor (GB 2016; 2 min.) – Österreichpremiere 
David Bowie Is Dead (GB 2018; 17 min.) – Österreichpremiere 
Hard, Cracked the Wind (GB 2019; 17 min.) – Österreichpremiere
Bait (GB 2019; 87 min.) – Österreichpremiere bei Crossing Europe 2019

 

| Das Spotlight 2020 wird in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Filmmuseum durchgeführt. |

 

Tanzendes Korn

(Neil Young, Filmkritiker, Filmemacher)

Mark Jenkin betrat 2019 schlagartig die Bühne des europäischen Filmschaffens, mit Bait, einem Low-Budget-Drama, das von Kritik und Publikum bejubelt im Berlinale Forum uraufgeführt und knapp ein Jahr später bei den BAFTAs für das beste Autor*innen- oder Regiedebüt ausgezeichnet wurde.

Tatsächlich aber handelt es sich bei dieser scheinbar „über Nacht“ passierten Erfolgsgeschichte um eine, die sich seit Jahrzehnten anbahnte. Neben einer beeindruckenden Zahl von Kurz- und mittellangen Filmen stehen dem Vielarbeiter Jenkin vier frühere Spielfilme zu Buche – Golden Burn (2002), The Rabbit (2004), The Midnight Drives (2007) und Happy Christmas (2011) –,die bei ihrem Einsatz auf Festivals wohlwollend aufgenommen wurden. Bei Letztgenanntem verglich das Magazin Empire dessen Humanismus sogar direkt mit dem Werk Jean Renoirs.

Da Bait jedoch sein erstes Projekt war, das in den britischen Kinos ausgewertet wurde, stand Jenkin für den BAFTA zur Wahl. 1976 geboren und auf der schroffen südwestenglischen Halbinsel Cornwall – einer uralten, abgelegenen Region mit eigener, keltisch beeinflusster Sprache und Kultur – beheimatet, schien der Autor und Regisseur deshalb als voll ausgereifter Künstler mit äußerst markantem und kompromisslos analogem Feingefühl aufzutauchen.

Am Christtag 2012 erdachte und verfasste Jenkin „Silent Landscape Dancing Grain 13“ (kurz SLDG13), ein durchaus ernst gemeintes Manifest aus 13 Regeln – darunter die Bestimmung, dass Filme „mit einem Minimum an Tamtam“ realisiert werden sollten –, das er seither gewissenhaft befolgt.

„Wenn es keine Schufterei ist und man nicht einen Teil von sich darin einbringt, dann ist es meiner Meinung nach nicht sinnvoll“, sagte Jenkin einmal. „Manchmal mache ich etwas in einem Arbeitsprozess, der unglaublich herausfordernd und zeitaufwendig ist, und das Endergebnis unterscheidet sich vielleicht nicht davon, als wenn ich den weniger beschwerlichen modernen oder digitalen Weg genommen hätte … aber der Unterschied ist da, welcher, das weiß ich nicht immer, vielleicht ist er nicht wahrnehmbar, aber es gibt ihn, und die Leute erkennen und finden eine Verbindung zu ihm. Für mich grenzt das ans Übersinnliche.“

Er dreht mit einer Bolex-Federwerkkamera auf 16-mm-Schwarzweißfilm (gelegentlich in Farbe), den er nachher händisch entwickelt – angeblich in einem altehrwürdigen Entwicklungstank aus Bakelit –, was sich in allen möglichen herrlichen Unvollkommenheiten, Kratzern und „Knacken“ niederschlägt.

Die Tonspuren kommen später hinzu und haben eine bewusst künstliche Anmutung, durch die sich die verwirrend impressionistische Stilisierung der Bilder verstärkt.

Die Ergebnisse stehen ganz für sich selbst, mit ihren eigenen Stimmungen und greifbaren Texturen. Beschrieben werden dürften sie vielleicht jedoch als rauschartige Collage aus Murnau, Brecht, Jarman, Cassavetes, Godard, Ben Rivers und den hochgeschätzten übernatürlichen BBC-Erzählungen der 1960er und frühen -70er.

Jenkin, der in seinem Heimatlandkreis an der Falmouth University Filmschaffen lehrt, ist deshalb vermutlich die außergewöhnlichste und markanteste Stimme, die seit Terence Davies in den späten 1980ern im britischen Erzählkino in Erscheinung getreten ist. Wie der in Liverpool geborene Meister stammt Jenkin aus einem Ort und einer sozioökonomischen Schicht, die weit weg von der Londoner Künstler*innenelite liegen. Seine hochpersönliche Sichtweise verbindet kühn eine selbst erdachte ästhetische Haltung mit akut politischem Feingefühl und, was entscheidend ist, einem Anflug von unkonventionellem, trockenem Humor.

Aus Cornwall in die weite Welt!