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Arbeitswelten / Working Worlds 2018


Dreaming Under Capitalism

(Katharina Riedler, curator)

Seit der ersten Ausgabe dieser Programmsektion vor 15 Jahren haben sich die Arbeitswelten in Europa erwartungsgemäß stetig verändert. Die Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen wurde und wird vorangetrieben, Anpassungsfähigkeit und Mobilität werden groß geschrieben. Die Herausforderungen, mit denen Arbeitende zu kämpfen haben, verändern sich. Als ein Resultat von zunehmendem Wettbewerb, mehr Unsicherheit, steigendem Zeitdruck, vermeintlich größerer Flexibilität und prekären Arbeitsverhältnissen sind es vermehrt psychische Belastungen am Arbeitsplatz, die konstanten Stress auslösen und sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Auch bleibt die Arbeit nur selten in der Arbeit. Nach Dienstschluss wird sie mit nach Hause genommen, per E-Mail etwa, und verfolgt die Arbeitenden oft bis in den Schlaf. Tatsächlich ist es Studien zufolge so, dass Arbeit zu den häufigsten Themen unserer Träume zählt. Mit positiven Gefühlen sind diese Träume leider selten verbunden.

Ähnlich wie die Journalistin Charlotte Beradt in den 1930er Jahren Beschreibungen von „von der Diktatur diktierten Träumen“ sammelte, die sie in „Das Dritte Reich des Traums“ veröffentlichte, sammelt die Filmemacherin Sophie Bruneau in Rever sous le capitalisme Albträume von Arbeitenden und eröffnet den Blick auf eine Art kollektives nächtliches Arbeits-Gedächtnis. Der Film zeichnet ein dystopisches Psychogramm einer arbeitenden Gesellschaft, die dem Druck, der auf ihr lastet, nicht einmal mehr in der Nacht entfliehen kann. Das letzte verbliebene Refugium ist verloren.

Auch die ProtagonistInnen in Virpi Suutari’s Yrittäjä träumen: Während zwei junge Frauen in Helsinki mit einem von ihnen entwickelten Fleischersatzprodukt den Weltmarkt erobern wollen, kämpft eine Familie auf dem Land mit dem Verkauf von Fleisch im Winter und dem Betrieb von Jahrmarktbuden im Sommer ums finanzielle Überleben. So unterschiedlich Ausgangslage und Dimensionen ihrer Ziele sein mögen, so sehr ähnelt sich ihr Bestreben nach Erfolg. Sie alle arbeiten beinahe rund um die Uhr, freie Wochenenden gibt es nicht. Eine unermüdliche Energie wird in die Projekte gesteckt, was an den körperlichen Kräften und den Nerven zehrt.

Wovon die MitarbeiterInnen des Amtes für Sozialwohnungen in Neapel träumen, erfährt man in Aperti al pubblico zwar nicht, aber womöglich wünschen sie sich, ab und zu einfach über die eine oder andere bürokratische Hürde zu springen. Sie werden mit den Sorgen und Geschichten der BewohnerInnen der von ihnen verwalteten Häuser konfrontiert und sind die Angriffsfläche bei Beschwerden und Problemen, müssen sich aber bei deren Lösung an Regeln und Gesetze halten, die sie selbst nicht bestimmen oder beeinflussen können.

Farewell Yellow Sea begleitet eine junge Chinesin, die eine bessere Ausbildung und größere Karrierechancen in der Altenpflege weit weg von ihrer Heimat, im verheißungsvollen Deutschland sucht. Ganz so, wie sie es sich erträumt hat, ist die Auslandserfahrung zwar nicht, dennoch halten sie und ihre Kolleginnen durch und stellen sich den beruflichen und vor allem auch sprachlichen Herausforderungen. So wird nicht alles zu einem großen Albtraum, sondern doch beinahe gut. Die vier Filme in den diesjährigen Arbeitswelten suchen nicht die großen strukturellen Zusammenhänge, sondern sind nah dran an den Menschen. Und es sind die Menschen, die am Ende immer zählen sollten.