ARBEITSWELTEN: AM LIMIT – UND KEIN ENDE

Die von Lina Dinkla (DOK Leipzig) und Katharina Franck kuratierte Programmsektion widmet sich realen Arbeitsbedingungen im Europa des 21. Jahrhunderts und den damit einhergehenden Herausforderungen.



Kapitalismus, freie Märkte, entfesselter Liberalismus – weite Teile des Personals in Politik und Wirtschaft kommen einfach nicht davon los, dies nach wie vor als verheißungsvolle Antwort auf die Frage nach besseren Lebensbedingungen zu propagieren. Doch seien wir ehrlich: Der Realitätscheck zeigt weiterhin eine rasant wachsende Ungleichheit, steigende prekäre Beschäftigungsformen und Arbeitsbedingungen, die nicht mehr nur unerträglich, sondern lebensverkürzend sind.

Seit über zwei Jahrzehnten werfen die Arbeitswelten einen genauen Blick auf die vielfältigen europäischen Beschäftigungsrealitäten. In diesem Jahr richtet sich der Fokus auf jene, die oft übersehen werden: Menschen, die mit ihren Händen arbeiten, die tagtäglich anpacken, die Dinge herstellen, instand halten, reinigen – und danach unter Umständen noch zu einem zweiten Job aufbrechen.

Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten in Europa sind verbunden durch zentrale Fragen: Reicht die eigene Arbeit aus, um das Leben zu sichern? Erhalte ich den Lohn, der mir zusteht? Oder sind die Bedingungen durch die gegenwärtige europäische Kriegssituation vielleicht sogar so existenziell, dass es tatsächlich nur ums Überleben geht? Wer sind die Menschen, die unsere Gesellschaft am Laufen halten? Wer übernimmt die Aufgaben, die unverzichtbar sind und dennoch selten im Mittelpunkt stehen? Das Programm begegnet Arbeiter*innen in verschiedensten Bereichen, von der Reinigung über das Handwerk bis hin zur Energie- und Industriewirtschaft. Zugleich richtet sich der Blick auf jene, die sich organisieren, die Missstände nicht hinnehmen und für gerechtere Bezahlung sowie würdigere Arbeitsbedingungen kämpfen – und dabei auch Erfolge erzielen.

Heike ist Objektleiterin einer Reinigungsfirma und die zentrale Figur im Spielfilm ICH VERSTEHE IHREN UNMUT. Sie arbeitet in einem System von Subunternehmen, das völlig pervertiert zu sein scheint. Ständiger Druck, unfaire Vorgaben und ein Mangel an Unterstützung belasten sie so lange, bis es reicht. Auch WELDED TOGETHER zeigt mit Katja eine Frau, die einem körperlich und emotional fordernden Beruf nachgeht. Als Schweißerin erlebt sie jedoch Anerkennung und Freude an ihrer Arbeit, während ihr Privatleben von Ablehnung, Missbrauch und Co-Abhängigkeit geprägt ist. ONO ŠTO TREBA ČINITI hingegen erzählt vom direkten Arbeitskampf: Die Werftarbeiter*innen im slowenischen Koper kämpfen gemeinsam für bessere Arbeitsverträge. Unterstützt von einem Büro für Arbeitnehmer*innenrechte gelingt es ihnen, einen überraschenden Erfolg zu erzielen. Aussichtslos scheint indes der Kampf der Belegschaft eines Heizkraftwerks in Kurachowe, Ukraine: In OSTANNII PROMETEI DONBASU hält diese unter Dauerbeschuss bis zum Schluss durch und versucht, das Werk für die Bewohner*innen der Stadt am Laufen zu halten. (Lina Dinkla & Katharina Franck)


In Kooperation mit
Mit freundlicher Unterstützung von

 

Filme der Sektion:

ICH VERSTEHE IHREN UNMUT / I UNDERSTAND YOUR DISPLEASURE (DE 2026)
Regie: Kilian Armando Friedrich, 93 min., Österreichpremiere
Verleih in Österreich: Stadtkino Filmverleih, Pressekontakt:

Pausenlos in Bewegung, nimmt Heike auch die kleinste Unachtsamkeit der Arbeiter*innen wahr, für die sie als Objektleiterin einer Reinigungsfirma verantwortlich ist. Die richtige Balance im Umgang findet sie weder mit ihnen noch bei Kund*innen und Subunternehmern, deren Anforderungen und Beschwerden sie permanent ausgesetzt ist. Wie lange kann sie dem immensen Druck Stand halten, wie lange können sie und dieses System so weiter „funktionieren“? Ganz nah an der beeindruckenden Hauptdarstellerin, lenkt der Spielfilm mit dokumentarischer Authentizität einen wertschätzenden Blick auf Arbeiter*innen, die unerlässlich sind, aber besonders gerne übersehen werden – und wagt eine Idee zur Veränderung.


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ONO ŠTO TREBA ČINITI / THE THING TO BE DONE (HR/SI/RS 2025)
Regie: Srđan Kovačević, 88 min., Österreichpremiere
 
Ein unscheinbares Büro im slowenischen Ljubljana ist der heimliche Protagonist in diesem Arbeitskampf-Krimi. Inmitten von Papierstapeln und ständig klingelnden Telefonen sind Sozialarbeiterin Laura Orel, der ehemalige Elektriker und heutige Anwalt Goran Zrnić und der Gewerkschaftsaktivist Goran Lukić für die Rechtsberatung „Delavska svetovalnica” tätig. Hier ist die Anlaufstelle für Arbeitnehmende, die von Unternehmen ausgebeutet und betrogen werden, teilweise weder korrekte Verträge noch Löhne erhalten. Die sprachlos machenden Ungerechtigkeiten auf dem Arbeitsmarkt Europa kontrastieren mit den fast unglaublichen Erfolgen des kämpferischen Trios.


OSTANNII PROMETEI DONBASU / THE LAST PROMETHEUS OF DONBAS (UA 2025)
Regie: Anton Shtuka, 103 min., Österreichpremiere
 
Ein Kraftwerk im Fadenkreuz: Nur wenige Kilometer von der Front entfernt steht in der Stadt Kurachowe ein Wärmekraftwerk, das letzte noch in Betrieb befindliche seiner Art im Donbass. Wo einst die Industrie als Stolz der Sowjetunion gefeiert wurde, zeugen heute Ruinen von Zerstörung und Entwurzelung. Archivaufnahmen aus den 1930er Jahren kontrastieren mit der Gegenwart. Aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihrem Land halten die Arbeiter*innen die Stellung, obwohl jedes Mal, wenn das Kraftwerk in Betrieb genommen wird, russische Bomben fallen. Eine Evakuierung gen Westen scheint unvermeidlich.


WELDED TOGETHER (FR/NL/BE 2025)
Regie: Anastasiya Miroshnichenko, 96 min., Österreichpremiere
 
Katyas Blick geht oft ausdruckslos in weite Ferne. Im Hier und Jetzt muss sie sich mit ihrer alkoholkranken Mutter arrangieren, bei der sie zwar nicht aufgewachsen ist, deren neuem Baby sie sich nun aber annehmen möchte. Dies muss sich wiederum mit ihrem Job als Schweißerin vereinbaren lassen, dem einzigen Lebensbereich, in dem Katya Freude und Anerkennung erfährt. Mit ungewöhnlich tiefen Einblicken und viel Empathie porträtiert Anastasiya Miroshnichenko die Lebenswirklichkeit einer jungen Frau in Belarus, die versucht, Kreisläufe zu durchbrechen, wo alles gegen sie spricht. Bei aller Tragik eröffnen sich dabei auch unerwartete Momente der Schönheit und Kraft.