Architektur und Gesellschaft

BODEN FÜR ALLE!

Lotte Schreiber, Kuratorin

„[…] ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde niemandem“, schreibt Jean-Jacques Rousseau als Einleitung zu seinem Diskurs über die Ungleichheit im Jahr 1755 und deutet darin auf einen Kulturbruch, der sich bereits mit der Entwicklung der ersten Zivilisationen manifestierte: Während der Boden in urgeschichtlichen Gesellschaften kollektiv genutzt wurde, kannte die Antike bereits privates Grundeigentum. Seither hat ein sorgloser und rein kapitalgetriebener Bodenverbrauch die Oberfläche unseres Planeten in beunruhigendem Maße transformiert. Profitorientierte landwirtschaftliche Nutzung beeinträchtigt die Bodenfruchtbarkeit, die fortschreitende Versiegelung trägt zur Klimaerwärmung bei und verändert den natürlichen Wasserhaushalt. Vor allem in den Städten wird Boden – ein knappes Gut – in immer aggressiverer Weise von den neoliberalen Beutezügen profitorientierter Immobilienspekulanten bedroht. Die daraus resultierende Wohnungskrise wird für immer mehr Menschen zur Existenzkrise. Vor diesem Hintergrund widmet sich die Programmsektion ARCHITEKTUR UND GESELLSCHAFT dieses Jahr in Anlehnung an die Ausstellung BODEN FÜR ALLE! im afo architekturforum oberösterreich der „Bodenfrage“ und präsentiert vier Filme, die einen facettenreichen Blick auf die ökonomische, ökologische und soziale Bedeutung unserer Lebensgrundlage Boden werfen. So begleiten wir im französischen Langzeitdokumentarfilm L'ÉTINCELLE von Valeria Mazzucchi und Antoine Harari Umweltschützer*innen, die über viele Jahre hinweg einen Landstrich bei Nantes besetzen, um den Bau eines Flughafens zu verhindern. Im südlichen Italien beginnt eine Gruppe von Mittdreißigern in ihrem Herkunftsdorf die brach liegenden Böden im Dienst der Gemeinschaft zu bewirtschaften. LA RESTANZA der italienischen Regisseurin Alessandra Coppola erzählt von jungen Menschen, die beschließen, den Problemen des von Abwanderung gezeichneten Gebietes nicht den Rücken zu kehren, sondern es gemeinsam zu reanimieren. Die in Singapur lebende österreichische Filmemacherin Ella Raidel führt uns mit A PILE OF GHOSTS in die befremdliche Welt chinesischer Geisterstädte – die bizarren Auswüchse eines turbokapitalistischen Urbanisierungsprozesses – und kreiert dafür eine Form der filmischen Erzählung, in der sie meisterhaft Elemente aus Dokumentation und Fiktion, Schauspiel und Archiv, Recherche und Interpretation miteinander verwebt. Eine hybride filmische Form zeichnet auch die Arbeit DIE KUNST DER FOLGENLOSIGKEIT aus, die für dieses Programm eine Art Metafilm darstellt. Die deutsch-österreichische Filmproduktion von Architekt und Designtheoretiker Friedrich von Borries und Regisseur Jakob Brossmann reflektiert als kunstvoll verschachteltes Szenario zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem über die Nachhaltigkeit des künstlerischen Schaffens an sich und stellt dabei die Frage, was es tatsächlich bedeuten könnte, ein Leben zu führen, das keine negativen Folgen hat. Ein Film, der zur Diskussion einlädt!

Filme der Sektion: